Der Drachen am Bös Fulen 2802 m ü. M.

Jeder hat ihn von der Zürcher Quaibrücke schon gesehen – aber kaum einer kennt ihn. Sein unromantischer Doppelname macht ihn zu einem Nobody zwischen den Berühmtheiten Glärnisch und Tödi. Wer ihn besteigt, lernt ihn zu lieben und zu fürchten – nichts für schwache Nerven.


Immer wieder habe ich die entsprechenden Tourenbeschriebe auf hikr.org gelesen und mir überlegt,  ob ich mir das antun kann. Die Rede ist von einem hässlich klaffenden Abgrund im Aufstieg und vom faulen Gestein („Bös Fulen“) des ausgesetzten Gipfelgrats. Trotzdem, ich will diesen schöngeformten Zürcher Hausberg und höchsten Punkt des Kantons Schwyz kennenlernen – auch wenn ich umdrehen müsste.

Unerkannt aber immer da - der Bös Fulen von Zürich aus
Unbekannt aber markant – der Bös Fulen von Zürich aus

So ziehen wir an einem Augusttag zu zweit los, mit der Seilbahn nach Braunwald und dem Sesseli zur Gumen. Nach einer kleinen Stärkung im eher bescheidenen Bergrestaurant nehmen wir den Anmarsch unter die Füsse. Im zunächst lockeren Anstieg lassen wir den letztjährigen gemeinsamen Besuch der über uns trotzenden drei Eggstöcke (über die Klettersteige) nochmals Revue passieren. Beim Wegknoten Bützi verlassen wir den markierten Bergweg und steigen nun direkt und jetzt steil über die Grasweiden zum ausgedehnten Karstgelände auf, über das die Route zum Fuss des Bös Fulen führt. Die Orientierung durch das unwegsame Gebiet ist einfach – grundsätzlich immer in Richtung des von weitem sichtbaren, gewaltigen Klotzes. Wir sind locker drauf, und die ersten gesichteten Edelweiss werden gebührend gefeiert und fotografiert.

Das erste Edelweiss des Tages wird gebührend gefeiert
Das erste Edelweiss des Tages wird gebührend gefeiert

Dann nähert sich die Moräne des klein gewordenen Bös Fulen Gletschers, dahinter protzt die Wand. Es fallen fatalistische Sprüche. Da rauf? Nie im Leben! Wir reden uns also etwas Mut zu, dann beschliessen wir, die beschriebene Aufstiegsroute aus der Nähe anzusehen. Der Einstieg über das recht ausgedehnte Firnfeld zum Fuss der Wand verläuft mit den Steigeisen unter den Füssen einfacher als erwartet. Auch das breite, steile Schuttband zum Nordostgipfel sieht von hier aus nun machbar aus. Dann gilt es, dieses furchterregende Monster von einem Abgrund sicher zu umgehen. Das über diesem tiefen Einschnitt liegende Geröllfeld muss uns zuerst versprechen, dass es „hält“, bevor wir den ersten Fuss darauf setzen. Aber das tut es. Trotzdem sind wir heilfroh, bald wieder zwischen Felsen zu sein. Die geben uns sicheren Halt an den Füssen und die Motivationspritze, weiter aufzusteigen.

Rot die Route, im schwarzen Kreis der Drachenschlund
Wie Mäuse stehen wir vor dem Elefanten, rechts der Mitte der Einsteig in das Schuttband
Aus der Nähe wirkt immer alles etwas einfacher, von der Mitte geht es rechts nach oben

Einmal auf dem Gipfelgrat angekommen lassen wir einen Teil der Ausrüstung zurück, um die letzten 200 Meter (mit wenigen Kletterstellen II) zum höchsten Punkt möglichst genussvoll überwinden zu können. Von hier oben wirkt der Bös Fulen wirklich prächtig – wie ein freistehender Biberzahn. Er scheint gutmütig bekraxelbar, es macht viel Spass – bis wir merken, dass er stellenweise ziemlich heftig von Karies befallen ist (und damit seinem Namen gerecht wird). Unter Toms Händen und Füssen lösen sich mehrere Felsbrocken und begeben sich auf eine schnelle, ziemlich lange Reise ins Tal… Unter diesem Eindruck stehend beschliessen wir auf die letzten Meter zum Gipfelkreuz zu verzichten – und machen es uns auf einem schmalen Felsplateau gemütlich. Die Rundblicke sind gewaltig und die Sonne scheint herrlich. Wir geniessen lange. „Wenn nur dieser Drachenschlund beim Abstieg nicht wäre“, denke ich, „von dem werde ich noch lange träumen“.

Stilvolles Kraxeln auf dem Grat
Stilvolles Kraxeln auf dem Nordostgipfel, im Hintergrund der Glärnisch

Mit der gebotenen Vorsicht steigen wir ab. Nach der sicheren Passage seines Schlunds ruf ich dem Drachen hämisch zu: „mich chunnsch nöd über!“. Wir drehen uns aber noch einige Male für einen respektvollen Blick um. Auch die unzähligen Edelweiss und die bizarren Karstformationen auf der Abstiegsroute tragen das Ihre zum Gelingen dieses Tages bei. Den Bös Fulen haben wir fortan in guter Erinnerung, wenn wir über die Quaibrücke schreiten – schliesslich muss ja jeder Ritter einmal einen Drachen töten.

Karstformationen
Karst wohin das Auge reicht

Kartenausschnitt Bös Fulen (pdf)

Tourdatum: 21. August 2013

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