Durch die Wolkenküche zum Gems­fairen­stock 2972 m ü. M.

Impressionen aus der Suppenküche

Seit Erstbegehung mit meinem Vater vor bald 10 Jahren zieht es mich immer wieder auf diesen eher unbekannten Berg. Der erste, aber nicht höchste Gipfel der Claridenkette steht im Schatten seiner Nachbarn. Er sieht auch nicht besonders auffällig aus, von der Quaibrücke in Zürich ist er nur mit geübtem Auge erkennbar. Aber seine Besteigung und Umgehung bietet wirklich alles, was es für eine Hochtour braucht.


Die Viertbesteigung beginnt an der Bergstation der Fisetenbahn, die dem Wanderer vom Urnerboden aus die ersten 600 Höhenmeter erspart. Anstatt nun gleich die weglose Route über den Grat zum Gipfel in Angriff zu nehmen folgen wir diesmal dem markierten Wanderweg zur Claridenhütte. Das Wetter ist noch etwas unsicher, tiefhängende Wolken lassen uns lange in Ungewissheit, ob die Tour wie geplant vollendet werden kann. Weiter oben soll die Sonne sein – wir hoffen, dass sich das bewahrheiten wird.

Unter der Claridenhütte tobt die Wolkendecke…
...der Gemsfairenstock verspricht gute Sicht
… der Gemsfairenstock verspricht hingegen gute Sicht

Tatsächlich finden wir die Sonne genau auf der Höhe der Hütte. Die Wolkendecke bewegt sich auf und ab, der Westwind drückt sie nach unten, die Thermik schiebt sie wieder hinauf. Der Helikopter, der die Hütte versorgen will, dreht nach vergeblichen Landeversuchen wieder ab. Wir schauen dem Treiben vergnügt zu und verschlingen zur Stärkung ein Stück der Linsertorte, die die Hüttenwartin gerade aus dem Ofen genommen hat.

Wenige Hundert Meter weiter oben, wo die Route den Weg verlässt und durch eine Moränenlandschaft an die Gletscherzunge des Claridenfirn führt, entscheiden wir uns für ein „Go“. Wir vertrauen darauf, dass der Wind die Oberhand behält und uns die Sicht zumindest für die nächste Stunde freihält, in der die Orientierung oberste Priorität hat. Beim Zungensee betreten wir den Gletscher und steigen zur Lücke hoch, der uns den Aufstieg auf den Gipfelgrat erlaubt. Hinter uns „kocht“ die Wolkendecke vor dem Tödi, immer wieder greifen wir zur Kamera, um diese Bilder festzuhalten. Die letzten Meter zur Lücke sind anstrengend, rund 50 Höhenmeter müssen durch einen äusserst steilen, rutschigen Schutthang bewältigt werden, die Schlüsselstelle der Tour.

Durch die Moränenlandschaft zum Gletscher
Diesen Zungensee gab es vor 10 Jahren noch nicht
Das Firn weist nur wenige harmlose Spalten auf, das Seil bleibt im Rucksack

Auf dem Grat erwartet uns nicht unerwartet die Situation „Ostseite Sonne, Westseite Nebel“. Da die spätere Abstiegsroute jedoch ausreichend mit Steinmännchen markiert ist, beunruhigt das nicht weiter. Eine Viertelstunde später erreichen wir den Gipfel. Ich bezeichne diese Kanzel da oben immer gerne als „Wohnzimmer des Tödi“, so wunderbar lässt sich hier die Sicht auf diesen Glarner Riesen geniessen. Aber auch der Blick auf das Claridenfirn lässt das Herz höher schlagen. Die Fernsicht ist eingeschränkt, aber die Wetterkapriolen sorgen für mehr als genug Unterhaltung.

Was Wind und Sonne bewirken können…
Der Blick vom Gemsfairenstock auf das Claridenfirn

Und dann passiert das, womit wir nicht mehr gerechnet hatten: Beim Abstieg dreht der Wind, und im Nu sind die Wolken weg. Die Windjacke weicht, und die letzten Höhenmeter zum Fisetenpass werden mit T-Shirt only vernichtet. Trotzdem werden die Steinmännchen geschätzt, ohne sie wäre die Wegfindung anspruchsvoll. Wir nehmen uns aber auch genug Zeit, um die vielen bizarren Felsformationen zu studieren. Insbesondere die „Riesenlöcher“ im Grat (auf der LK 1:25000 als „Rund Loch“ bezeichnet) üben ihre Faszination aus.

Gemsfairenstock, wir kommen wieder – und vor allem wieder in dieser Reihenfolge! Die hässlichen Gegensteigungen im Fisetental waren immer ein Spielverderber, am Anfang der Tour sind sie nur eine Episode zum Aufwärmen.

Tourdatum: 27. August 2014

Kartenausschnitt Gemsfairenstock (pdf)

Das "Rund Loch" - es gibt mehrere davon am Fisetengrat
Das „Rund Loch“ – es gibt mehrere davon am Fisetengrat

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