Der Wächter am Urnersee 2514m ü. M.

Der Gitschen ist einer dieser Urner Hausberge, der seltsamerweise fast nur von Einheimischen bestiegen wird. Die Aussicht auf den Urnersee ist grandios – aber wehe dem, der ausrutscht. Er landet subito 2000 Meter weiter unten auf dem Dorfplatz von Seedorf. Der Berg birgt Fantasien zur Schweizer Geschichte, doch davon später. Eine grossartige, nicht allzu lange Tour.


Die Alpinwanderung beginnt an der Talstation der Gietisflue-Bahn im Kleintal, ein Seitental des Isenthals. Die von einer Bauernfamile betriebene Holzkiste transportiert ihre Passagiere ab 7.00 Uhr (auf Voranmeldung auch früher) auf 1400m. Die Wiesen sind frisch gemäht, es duftet nach Alpwirtschaft.

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Start mit Blick auf das Tagesziel
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Der felsige Abschluss des Kleintals. Chänzeli, Uri Rotstock und Schlieren, rechts unten die Musenalp

Der Pfad steigt steil hoch, keine 20 Minuten später stehe ich bei Hinter Wang auf dem Sattel des Bergrückens und blicke ein erstes Mal auf den Urnersee. Genau so tief, wie es von hier nach unten geht, so hoch trohnt der trotzige Gipfelkopf des Gitschen noch über mir. Weiter westlich zwinkert der elegante Uri Rotstock mir zu und wirbt für die geplante Zweitbesteigung.

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Im Aufstieg über den Grasrücken – hoch über dem Urnersee

Der Pfad folgt nun dem Gratrücken, zunächst durch offenen Wald, dann über Wiesen zum Oberberg. Leider fehlt mir die Zeit für einen Halt in der einladende Bäsebeiz des Schafhirten. Jetzt werden das Grün karger und das Gelände steiniger. Auf 2200m erreiche ich die Kante, an der der gewaltige Tiefblick ins Reusstal wartet – ein abrupter, aufregender Szenenwechsel.

Ab jetzt braucht es etwas Mut, und vor allem muss es trocken sein. Der Pfad schlängelt sich mehrere Hundert Meter um die schroffen Felsen des Gipfelturms herum. Trocken ist die Passage ziemlich harmlos, nass sind die abwärtsgerichteten Platten kaum passierbar. Die vielen Runsen führen direttisima 1000m nach unten, wo sich das Gelände erstmals etwas abflacht. Ein spannendes Erlebnis in einer einzigartigen Kulisse! Nur zwei kleine Restschneefelder verlangen etwas mehr Vorsicht als mir lieb ist. Ein paar Ketten wären nicht schlecht hier.

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Von unten sieht man den Pfad nicht…aber es gibt ihn
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Trocken muss er sein der Pfad…

Auf der Umgehung der Wand folgt wieder Gras, über das steile Vordere Gämsfeld erreiche ich – hin und wieder mit Hilfe der Hände – den Gipfelgrat. Kurz trocken schlucken: Im Süden das tiefgrüne Gras voller Alpblumen, die in allen Farben leuchten –  auf der anderen Seite ein eiskalter, fast senkrechter Abgrund.

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Ohne Worte

Die letzten paar Minuten zum Gitschen lassen das Herz des Alpinwanderers in jeder Hinsicht höher schlagen. Der mächtige Gipfelkopf, der schmale Grat, die Tiefblicke. Ich lasse meine Stöcke liegen, ein Stahlseil hilft an einer heiklen Stelle, mit leichter Kletterei (I) erreiche ich schliesslich das Gipfelplateau. Fünf fröhliche Urner Männer und Frauen begrüssen den Exoten aus Zürich.

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Der prächtige Gipfelfelsen
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Die Abkürzung nach Seedorf…

Das Gipfelspektakel ist unbeschreiblich: Der grünblaue Urnersee, die vielen weissen Gipfel, die schauderhaften Abgründe, der hellgraue Fels. Ich atme tief durch und bin dankbar. Dann beisse ich in meinen Apfel und lasse meinen verschwitzten Körper vom kühlenden Bergwind trocknen.

Der Abstieg folgt in umgekehrter Richtung noch etwas länger dem Grat. Nach einer kurzen Gegensteigung (diesmal entschärft durch eine Kette) und erneut mit leichter Kletterei erreiche ich die grauen Schutthänge, über die mich der Weg über die steil abfallenden Flanken auf die Musenalp hinunter führen wird.

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Gratimpressionen I
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Gratimpressionen II

Ich drehe mich immer wieder zum Gipfelfelsen um – plötzlich erstarre ich. Der Gitschen wirkt nun wie ein bedrohlicher Totenkopf – ein wahrer Wächter des Urnerlands! Wenn man ihn etwas zum See drehen könnte, hätte die Befreiungsgeschichte der Schweiz wohl anders geschrieben werden müssen. Nicht der Tell, sondern der Schädel des Gitschen hätte jedem Habsburger Angst und Schrecken eingejagt.

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Der Wächter von Uri

Fasziniert von diesen Gedanken surfe ich die Schuttfelder hinunter. Der Pfad ist anspruchsvoll und verlangt Konzentration, Nässe wäre definitiv ein schlechter Begleiter. Knapp unter der 2000m-Grenze treffe ich auf die Abzweigung zum Uri Rotstock. Hier ist der Pfad wieder ein „richtiger Pfad“ und die letzte halbe Stunde zur Musenalp ist dem Genuss gewidmet. Die von den Nordwänden des Uri Rotstock-Massivs herabplätschernden Wässerfälle erfreuen mich genauso wie die saftigen Alpweiden des hübschen Kleintals unter mir.

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Die Schuttflanke mit Blick auf den URS

Auf der Musenalp stecke ich Kopf und Rumpf in den Brunnen, so heiss ist es inzwischen geworden. Die Wirtin bringt mir einen wunderbaren Wurst-Käse-Salat und einen Liter Schorle, dann noch ein grosses Panaché. Die Musenalp-Beiz ist einer meiner Big Favourites unter den Alpbeizlis! Schliesslich lasse ich mich in der Sänfte (siehe Foto) ins Tal tragen und spaziere die letzten 15 Minuten zum Auto zurück.

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Tourdatum: 3. Juli 2015

Kartenausschnitt Gitschen (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

 

6 Kommentare

  1. Lieber Edwin
    Ich bin fasziniert über Deinen Bericht über den Gischen, ich bin Urnerin und habe den Gischen in meinem blickfeld, ich war noch nie oben und werde auch nie rauf gehen, habe höhenangst, aber ich bewundere ihn immer mit dem Feldstecher, sehe sogar wenn jemand oben ist, Du beschreibst die anstrengende bergwanderung so gut und mit Bilder so schön dass ich mich sogar fühle als wäre ich auch mal oben gewesen, und den Beschrieb über den Totenkopf habe ich noch nie gehört aber ich erkannte ihn auf dem Foto, ganz toll vielen Dank und geniesse weiterhin Deine Erlebnisse in Gottes schöner Natur
    Liebe grüsse Romy

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