Alpsteinfreude vom Hohen Kasten zum Säntis 2502m ü. M.

Wieder einmal im Alpstein! Das geologisch interessanteste Gebirge der Schweiz lockt mich heute mit der „von Turm zu Turm-Tour“ – vom Hohen Kasten zum Säntis. Die beiden Gipfel sind dabei (heute) nur Mittel zum Zweck, das angepeilte Ziel ist die äusserst abwechslungsreiche und panoramareiche Strecke dazwischen. Das Vorhaben ist nicht schwierig, verlangt aber etwas Kondition. Die genialen Bergerlebnisse tragen mich jedoch fast von alleine.

Eiskalt ist es an der Talstation in Brülisau. Inversionslage, in Appenzell liegt Bodennebel. Der Bahnbegleiter lächelt seinen Fahrgästen zu: „Oben ist es wärmer!“ Die Gondel gewinnt rasch an Höhe und macht den Blick frei auf die Tentakel des Säntis. Grossartig! Beschwingt von der Vorfreude verlasse ich die Bergstation und werde gleich von kräftigen Föhnböen begrüsst. Hoppla, nicht kalt, aber ohne Windjacke geht das heute nicht…

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Eisluft über Appenzell
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Die ganze Tour auf einen Blick – da entsteht grosse Vorfreude!

Der Wanderweg zur Saxerlücke ist gut ausgebaut. Zunächst geht es runter, fast 300 Höhenmeter, dann im wechselnden Auf und Ab zur Stauberen. Ein grosses Fest für die Augen, mal mit Sicht ins weite Rheintal und in die Ferne, mal auf den Sämtisersee und die Alpsteinfalten. Der Weg selbst schlängelt sich kunstvoll um die Felsformationen der Hohen-Kasten-Antiklinale (das lernt man aus Schildern am Wegrand). Vergnügt komme ich vorwärts, nach einer Stunde erreiche ich das Berghaus Stauberen, das ich jedoch windbedingt links liegenlasse.

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Blick zurück zum Hohen Kasten
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Auch Talblicke können begeistern
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Stauberen

Bei der Querung unterhalb der Stauberenkanzel kommen neu der schlanke Fählensee und die Kreuzberge ins Blickfeld, Letztere eine spektakuläre Laune der Natur. Von der Seite sehen die Felszacken mit ihren vertikal aufgerichteten Gesteinsschichten aus wie  prähistorische Pflanzenstauden, später in der Frontansicht wie Mammutzähne.

Die Route führt nach einer weiteren Gratpassage steil zur Saxerlücke hinunter. Bei der Kreuzung mit den vielen Wegweisern verlasse ich den Wanderweg und folge – einer Empfehlung meines Bruders folgend – einem ziemlich unscheinbaren, nicht markierten Schafspfad, der über Stock und Stein direkt auf den Grat des Roslenfirst führt.

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Der Fählensee, links davon der Roslerfirst . Ganz links die Kreuzberge
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Die Kreuzberge: wie versteinerte Pflanzenstauden…

Diese Variante ist anfänglich äusserst steil (T4, wenn Du dem Talweg folgst bleibt es T3) aber ungemein lohnenswert. Durch kniehohes Gras schreitend erreiche ich den markanten Bergrücken – und hier beginnt das nächste Schaulaufen. Auf der Ostseite präsentieren sich die Kreuzberge in einer besonders fotogenen Weise, im Süden winkt der ferne Alpenkamm, im Westen tut sich ein wunderbarer Blick zu Altmann und Säntis auf, in meinem Rücken reicht der Blick über den Hohen Kasten zum Bodensee und nach Deutschland. Ich bleibe immer wieder stehen, um immer wieder dieselben Fotos zu machen. Ich meine hier einen der schönsten Aussichtspunkte des Alpsteins gefunden zu haben! Ich treffe zuoberst auf drei weitere Wanderer – erstaunlicherweise alles nette Zürcher – der Insidertipp hat offenbar schon die Runde gemacht.

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Der Blick zurück vom Roslenfirst zum Hohen Kasten. Die Dohlen haben mein Sandwich im Visier
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Felsgebiss Kreuzberge – dahinter Rheintal und Montafon
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Nädliger – Altmann – Säntis – so schön!

Schon wenige Minuten nach dem Verlassen des Gipfels treffe ich wieder auf den markierten Wanderweg, der nun sanft absteigend zum Zwinglipass und der gleichnamigen Hütte hinunterführt. Hier könnte man übrigens alternativ nach Wildhaus absteigen, denn der Weg zum Säntis ist noch weit. Durch das bizarre Karstgebiet des Nädliger steigt der Weg nun steil am Fuss des Altmanns vorbei hoch zum Übergang, der über die Fliswand hinunter zum Rotsteinpass führt. Der Föhn bläst kräftig, ein grosses Rudel Steinböcke scheint sich dadurch nicht ablenken zu lassen. Ich hingegen tauche gleich zum Rotsteinpass ab, mein Magen knurrt.

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Ziel in Sicht – Blick vom Nädliger zum Lisengrat und Säntis

Die Fliswand muss heute richtig „verdient“ werden. Die Schneereste der letzten kalten Tage machen den Abstieg über diesen klettersteigähnlichen Pfad richtig anspruchsvoll. Nicht gerade vielversprechende Aussichten für die spätere Passage des Lisengrats, denke ich. Das ruft nach etwas Aufmunterung! Die bekomme ich in Form einer deftigen Gerstensuppe in der Rotsteinhütte.

Frisch gestärkt mache ich mich an den Lisengrat (in zwei anderen Touren schon ausführlich beschrieben), der Schnee in der Nordflanke macht weniger Probleme als befürchtet. Sechs Stunden nach dem Abmarsch auf dem Hohen Kasten erreiche ich müde aber hoch zufrieden den Säntis. Dort bleibe ich nicht lange, zu schön waren die einsamen Stunden davor, um jetzt den Trubel zu ertragen. Ich fange jedoch die mystische Stimmung noch ein, die sich mit dem Zusammenbrechen des Föhns einstellt. Dann hüpfe ich in die Bahn und schwebe zur Schwägalp hinunter.

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Ohne Ketten wäre der Lisengrat heute heikel gewesen…
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Wetterspiele vor dem Föhnzusammenbruch

Alpstein – du bist grossartig, ich komme wieder… und wieder und wieder….

Tourdatum: 2. Oktober 2015

Kartenausschnitt Hoher Kasten-Säntis (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

 

3 Kommentare

  1. Lieber Edwin !
    Danke für den süffigen Tourenbericht und die Bilder, die jedem Bergkalender schmeicheln würden. Ivo und ich teilen deine Eindrücke und haben auch den Abstieg vom Säntis übers Öhrli, Schäfler, Altenalp und Äescher bis ins Tal als ein Geschenk empfunden….
    Hoffentlich auf ein rencontre auf dem Faulhorn im Herbst 2016 !
    Jan

  2. wunderbarer Bericht, hast du eine gpx Datei von dieser Wanderung? 6 Stunden haben gereicht?

    • Gpx leider nicht, aber die Wegführung ist immer klar. Sechs Stunden brauchen etwas Tempo, aber mehr als sieben sind es auf keinen Fall.

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