Morgenstunden auf Ibiza 401m ü. M.

«Wandern auf Ibiza im August?» – hätte mir das jemand vorher erzählt, hätte ich ihn umgehend für verrückt erklärt. Doch nach einem Tag Dolce far niente am Pool und ersten angenehmen Erfahrungen mit der üppigen Insel-Gastronomie ändere ich meine Meinung. Bewegung muss sein, und vor Neun Uhr morgens ist die Temperatur angenehm, meist unterstützt durch ein bisschen Wind. Die West- und Nordküste scheinen ganz schön wild zu sein, da muss es also etwas zu entdecken geben.

In der Hotelbibliothek werde ich fündig, dann erstehe ich im Dorfladen eine brauchbare 1:50 000 Karte. Ohne das geht’s nicht. Beschildert ist nichts, die Routenfindung verlangt guten Orientierungssinn, etwas Vorstellungsvermögen und manchmal Geduld. Ein Unsicherheitsfaktor sind auch übereifrige Hunde, die entlegene, nicht eingezäunte Wohnhäuser bewachen. Von den sieben unterschiedlichsten Kurzwanderungen (alle ca. 1.5 Std.), die meine Ferien erheblich bereichert haben, beschreibe ich die vier interessantesten. Sie führen im schönen Morgenlicht durch Olivenhaine zu einsamen Buchten, entlang klippenreicher Küsten und auf bewaldete Hügel über friedlichen Talschaften.

Die Klippen des Puig des Camp Vell (401)

Ich parkiere an der Abzweigung zum Can Jordi an der Strasse von San Mateu nach Santa Agnes. Ich folge dem Feldweg zur Kleinsiedlung es Pujolet, wo ein schmaler Weg links abzweigt und an einem Kakteenfeld vorbei zu einem lichten Wald führt. Er steigt leicht an und bald erreiche ich Pt 311, wo sich ein grosser runder Platz ausbreitet, dessen Zweck ich mir nicht erklären kann. Er befindet sich nahe am Rand einer Klippe, den ich über eine schmale Pfadspur erreiche. Der Blick hinunter auf die Calò d’en Sardina, das Meer und die umliegenden Felsen ist umwerfend.

Nach einer Fotopause folge ich dem Weg weiter und erreiche bald die Abzweigung zum Gipfel des Puig des Camp Vell, der zu meinem Erstaunen von einem Aussichtsturm geschmückt wird. Dieser präsentiert sich allerdings eingezäunt, ein grosses Schloss sichert den Zugang. Eine Tafel erklärt, dass der Turm der Überwachung diene. Was hier überwacht werden soll, bleibt mir ein Rätsel. Mehr als ein paar Vögel und Hasen können hier nicht gewildert werden.

Ich steige durch offenen Wald ab und geniesse die schöne Sicht auf die gartenähnliche Ebene «Pla de Corona», für mich eine der schönsten Talschaften Ibizas. Eine kleine Finca hier könnte mir schön gefallen.

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Naturbrücke an der Cala d’Albarga

Das Bildbandfoto einer Naturbrücke an der Küste des Cala d’Albarga regt an, diese einsame Bucht zu besuchen. Ich beginne an der Abzweigung eines Feldwegs, der rechts von der Strasse im nördlichen Teil der Pla d’Albarca bei San Mateu wegführt. Ich passiere einsame Höfe, rote Äcker und ein parkiertes Auto, neben dem zwei junge Menschen im Gras schlafen. Nach einer guten Viertelstunde endet der Weg auf einem Parkplatz bei Can Vicent. Der Blick auf das Meer, die Bucht und den Cap d’Albarca werden frei. Sehr schön!

Verschiedene Wander- und Bikewege führen von hier weg, ich wähle den Pfad, der ziemlich steil an die Küste hinunterführt. Das Laufen erfordert etwas Geschick, der Regen hat den Weg stark ausgewaschen und mit tiefen Gräben durchzogen. Aber die Route ist eindeutig und gut 200 Höhenmeter tiefer erreiche ich die Felsbänder, von denen eines von unten her so ausgewaschen worden ist, dass eine Naturbrücke entstanden ist. Ein schönes Schauspiel der Natur.

Auch die Karstfelsen, die ich besteige, um die Bucht besser betrachten zu können, sind spannend. Ans Wasser hinunter gehen kann ich hier hingegen nicht. Dreissig Meter Steilwand trennen mich von den Wogen. Die Felsen des Cap’ d’Albarca leuchten rot in der Morgensonne, ich kann mich kaum sattsehen. Dann kehre ich auf demselben Weg zum Auto zurück und komme dabei schon ziemlich ins Schwitzen.

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Ein Kleinod: Es Portitxol

In der Oktober 2015-Ausgabe des «Geo Saison» beschreibt der Autor, wie er in der kleinen Bucht «Es Portitxol» den schönsten Moment seiner Ibiza-Tour erlebt. Ich will ihm nachfühlen und so gehe ich gleich zweimal auf unterschiedliche Routen hin. Wer etwas mehr Zeit hat verbindet die beiden zu einer etwas längeren Tour.

Der erste Besuch erfolgt von Illa Blanca aus. Die Tour beginnt am Ende der Asphaltstrassse und führt über einen arg holprigen Weg in mehreren Kehren hinunter zum Meer. In einer der Kurven ist ein kleiner blauer Pfeil auf der Wand sichtbar. Dieser weist auf den guten Pfad, der hier abzweigt und  zunächst im leichten Auf und Ab der Steilküste entlang führt und schliesslich steil hinunter zur einsamen Bucht absinkt. Schönes Panorama-Wandern!

Die malerische Bucht ist gesäumt mit den typischen Steinhäuschen mit ihren Rampen, in denen wohl einst Fischerboote gelagert wurden. Ich steige auch kurz auf den davorliegende Cap de sa Galara, von wo aus Bucht und Felsenküste gleichzeitig eingesehen werden können.

Der zweite Besuch erfolgt von Süden aus. Ich parkiere an der Strasse von San Miquel nach San Mateu bei sa Noguera und folge dem Feldweg, der hier abzweigt und der entlang einiger schöner Ferienhäuser führt. Am Ende des hübschen Tälchen angekommen ist die Wegfindung nicht einfach, ich muss dreimal umkehren bis ich den richtigen Pfad erwische, der mich zur bewaldeten Gratkante östlich des Puig des Mossons führt. Vor hier führt ein ziemlich steiler und schmaler Pfad durch einen schönen offenen Wald direkt an das Kleinod hinunter. Bei der Rückkehr bin ich froh um den Schatten der Bäume, müssen doch fast 300 Höhenmeter überwunden werden.

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Ganz im Norden: Punta des Moscarter

Der nördliche Punkt der Insel wird durch einen Leuchtturm markiert, das Far des Moscarter. Er ragt mehr als fünfzig Meter über die Klippenküste hinaus. Ich beginne bei aufgehender Sonne am Hafen von Portinatx zu laufen, ein Traumfotosujet.

Es ist ohne Wegweiser nicht eindeutig, wo der Pfad beginnt. Nach einigen Metern rätseln finde ich einen Pfad durch die Büsche und bald wandere ich über die im Morgenlicht rosa schimmernden Steine entlang der Klippenküste. Der Klippenpfad erlaubt schöne Fotosessions, Höhenangst wäre allerdings ein schlechter Freund.

Nach dem Leuchtturm wird die Routenfindung schwieriger. Ich will die Halbinsel umrunden bis zur Calo d’en Serra, aber bald kann nicht mehr von einem Pfad, sondern nur noch von Wegspuren gesprochen werden. Die Büsche tun den Rest, und so wird das Ganze zu einer Knobbelaufgabe mit Trial & Error-Groove. Manchmal helfen Steinmännchen, dann wieder Farbkleckser auf grossen Steinen. Es macht Spass, aber hier muss man schon von einer T4 sprechen, es ist teilweise sogar etwas ausgesetzt. No Kids please. Dann kommt aber der Strand und damit der Weg, der mich durch den Wald zurück nach Portinatx führt.

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Tourendaten: 1. bis 7. August 2016

Kartenausschnitt Ibiza (pdf)

N.B. Alle Ausgangspunkte sind in 10-20 Minuten erreichbar von San Miquel, wo wir im Ca Na Xica wohnten (www.canaxica.com). Nach jeder Wanderung winkte ein feines Frühstück und der kühlende Pool.

1 Kommentar

  1. Wie wär es mit einem „Edwin wandert“ Camp auf Ibizza im nächsten Jahr? Ich melde mich hiermit gleich an.

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