Der Grassen und die Titliswand 2948m ü. M.

Peter will eine Hochtour machen – mit allem drum und dran. Und ich bin noch nicht ganz fit. Da bietet sich der Grassen an, die Aussichtskanzel vor der mächtigen Titlis-Südwand. Walter kommt mit, Gletscher gehen wir lieber zu dritt an. Die Tour bietet alles für ein schönes Hochtourenfeeling – der Leiterliweg zur SAC Hütte, Blöcke, Eis, ein bisschen Kraxeln im Fels – und ist nicht lang und schwer. Ein tolles Erlebnis, das nach Wiederholung ruft.

Wir beginnen gegen halb acht beim Sustenbrüggli an der Sustenstrasse. Es ist noch frisch, der Herbst kündet sich an. Ich fröstle im T-Shirt, aber bald wird es warm. Der Leiterliweg ist die Direttissima zur Sustlihütte, die keck von einem Felsvorsprung herab ins Tal äugt. Keine vierzig Minuten dauert der Aufstieg, der – wie der Name sagt – über einige Leitern führt. Ein Spass für Kinder und Junggebliebene.

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Der Grassen und sein gleichnamiger Grat

Das Erreichen der Hütte bietet Grund für eine kurze Rast, der Kaffee schmeckt gut. Peter als waschechter Urner trinkt ihn natürlich „mit“, die beiden zwinglianischen Zürcher brav „ohne“. Dann folgen wir den blau-weissen Markierungen zum Stössenfirn. Der Pfad dahin verlangt einige Male den Einsatz der Hände, ist aber grundsätzlich einfach. Erst kurz vor dem Firn wird es richtig blockig, man ahnt, wie die Touren werden, wenn einmal alle Gletscher geschmolzen sind…

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Fünffingerstock und ein Gletscherzungenseelein.

Der Mitte September fast ganz apere Stössenfirn lässt uns die Steigeisen montieren, unsere Route führt anfänglich ziemlich steil über das knisternde Eis hoch. Das Seil lassen wir erstmal im Rucksack. Nachdem sich der Gletscher abflacht, begegnen wir zwei ziemlich tiefen Spalten, die sich fast über die ganze Breite des Firns ziehen, aber gut übersprungen werden können (je östlicher desto einfacher). Jetzt sehen wir links oben auch schon den Ausstieg zum Stössensattel. Der letzte Teil des Firns ist schneebedeckt und spaltenfrei, wird aber wieder zunehmend steil. Wir erreichen den Einstieg zur rund 20 Meter hohen Felspassage, die dank einem Fixseil und griffigem Fels ziemlich einfach erklettert werden kann. Im Frühling geht es sicher noch einfacher. Der untere Teil des Felsens ist etwas anspruchsvoller zu erklimmen und das „Bergschrund-lein“ heute etwa 50 cm breit. Wir klettern mit den Steigeisen an den Füssen hoch. Eine nette Übung für Peter, der die Dinger noch nicht so gut kennt. Aber er will ja ein Abenteuer, und bekommt es.

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Hier muss gesprungen werden… Susten- und Gwächtenhorn schauen dabei zu.
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In der Bildmitte (über dem Schneefeld) ist der Ausstieg zum Stössensattel
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Guter Fels und ein Fixseil. Aber bitte nicht unterschätzen!

Oben angekommen trennen uns nur noch wenige Dutzend Meter von der Gratkante, der wir freudig und „gwundrig“ entgegenstreben. Und tatsächlich, die Belohnung ist gross, als wir den Grassengrat betreten! Neben uns die vielen bizarren Gipfelzacken, vor uns die stolzen „Uri-Rotstock und Freunde“, links die imposanten Wände des Titlis. Wow!

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Auf dem Grassenfirn

Mit den Worten des Hüttenwarts in den Ohren, montieren wir die Eisen wieder und umgehen den blockigen ersten Teil des Grats über das nördlich gelegenen Grassenfirn, das noch hart gefroren ist. Wenig später verlassen wir das Weiss und steigen fortan gemächlich steigend über gute Wegspuren zum Grassen hoch. Ein besonders markanter Gipfel ist er nicht, aber was für ein phänomenaler Aussichtspunkt! Er erinnert an den ebenfalls etwas unscheinbaren Gemsfairenstock im Wohnzimmer des Tödi. Hier ist der Titlis der alles dominierende Klotz im Norden.

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Das Ziel vor Augen

Aus dem Westen grüssen uns die Berner Viertausender, südlich präsentiert sich der Fünffingerstock mit seiner frechen Gletscherzunge. Dahinter die Sustenhorngruppe mit ihren mächtigen Gletschern, die uns schon seit frühmorgens begleitet, östlich sehen wir bis ins Säntisgebiet. Auf dem Gipfel hat es viel Platz zum gemütlichen Sitzen, und so geniessen wir eine überlange Mittagspause auf diesem grossartigen Picknickplatz.

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Der Blick zurück über den Grassengrat und das Stössenfirn.
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Im Westen das Berner Oberland…
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Im Norden die Uri-Rotstock Gruppe…
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…aber dieser Herr dominiert das Bild!

Der Abstieg folgt über denselben Weg. Nochmals zweimal Eisen an, Eisen ab. Beim Stössensattel sichern wir uns – wenn man schon ein Seil mitschleppt, soll man es auch einsetzen. Auch Dani ist froh darum, ein Solowanderer, der etwas an seinen Grenzen gekommen ist und den wir gerne unter unsere Fittiche nehmen. Auf dem Gletscher ist jetzt Schmelzwetter, das Wasser rinnt und rauscht, und mit nicht mehr ganz trockenen Füssen erreichen wir den markierten Pfad. Eine gute halbe Stunde später sitzen wir wieder auf der Terrasse der Hütte.

Nach dem Genuss eines feinen Stücks Schoggikuchen mit viel Rahm nehmen wir den Schlussabstieg über den normalen Hüttenweg zum Parkplatz unter die Füsse. Eine Stunde später springen wir von Peters Gartenmauer in den Urnersee.

kartenausschnitt-grassen-pdf

Interaktiver Kartenausschnitt

2 Kommentare

  1. Lieber Edwin
    vielen Dank. Auf dem Grassen war ich noch nie, das nehme ich mir auch noch vor.
    Bei Deinem Bericht hat mich „Sustenhütte“ irrititiert. Es muss heissen Sustlihütte.
    Hier hat es noch den Trotzigplangg: Eine leichte aber doch sehr lohnende Klettertour III.
    Beste Grüsse Hansjörg

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