Die schweigenden Orgeln im Parc Ela 2829m ü. M.

Ich klemme Arbeitsmappe und Laptop unter den Arm und gönne mir zwei Nächte im wunderbaren Kleinhotel Piz Platta auf der Alp Flix im Oberhalbstein. Gastgeber Renske und Werner verwöhnen mich mit einem grossartigen Znacht und viel Herzlichkeit. Auch das gemeinsame Holländisch verbindet. Frühmorgens fährt mich Werner zur Plang la Curvanera ob Savognin. Hier beginnt eine abwechslungsreiche, ausgedehnte Bergtour durch den Parc Ela. Sie führt entlang der Bergüner Stöcke über zwei Pässe ins Val d’Err und dann panoramareich über den Piz Colm zurück zur Alp Flix.

Werner wendet seinen Landcruiser auf dem Parkplatz nahe der Baumgrenze. Ein letztes Winken, dann bin ich alleine und folge ich im fahlen Morgenlicht den Wegweisern zum Orgelpass. Bald erreiche ich Anita’s Alpstübli, wo der Weg zum Klettersteig auf den Piz Mitgel abzweigt und die Beinarbeit erst richtig beginnt. Es brennt Licht, und so lasse ich es mir nicht nehmen, kurz „Guten Tag“ zu sagen und mir vom netten Wirtepaar ein Schorle servieren zu lassen.

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Bei Anita’s Stübli: Frühherbstliches Morgenlicht über dem Oberhalbstein

Der Pfad über die von Munggenlöchern durchsiebten Wiesen ist schmal und steil, ich gewinne rasch an Höhe. Die Wände des Piz Mitgel über mir wirken eindrücklich, die ersten Sonnenstrahlen streichen sanft über die schroffen Felsen. Auf 2370m flacht die Route ab, es folgt ein langer Genussteil über die Alp Tigiel. Vor mir baut sich der mächtige Corn da Tinizong auf, rechts davon zeichnen sich schon von Weitem die schlanken, scharfen Zacken des Pass digl Orgels ab, die diesem Übergang in Spadlatscha-Tal seinen treffenden Namen geben. Vom Lai Tigiel an wird es anspruchsvoll, um und über Blöcke schwingt sich der Pfad steil zur Passhöhe hoch. Die Zacken sind bizarr, nur pfeiffen sie zu meiner Enttäuschung nicht. Dies trotz der kräftigen Bise, die mir hier um die Ohren bläst!

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Der Corn da Tinizong und die Orgelpfeiffen
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Bizarr, diese Felsen am Orgelpass
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Der Blick zurück vom Cotschen zum Piz Mitgel und der Aufstiegsroute darunter. Wer erkennt den Tödi im Hintergrund?

Blockig geht’s weiter zum Cotschen, wo ich kurz die blau-weiss markierte Route verlasse, um mir auf dem schönen Aussichtspunkt Pt. 2829 eine ausgedehnte Rast zu gönnen. Der Scheitelpunkt von heute ist erreicht. Ich liebäugle zwar noch mit dem Pizza Grossa, ermahne mich dann aber, dass ich noch angeschlagen bin von letzter Woche und mir für heute „markierte Wege only“ geschworen habe.

So verweile ich noch etwas länger, geniesse die Sicht und mein Sandwich. Frisch und gestärkt steige ich über die Blöcke wieder ab auf den Wanderweg. Es folgt ein schönes Schweben über den breiten Schuttrücken hinunter zum Pass d’Ela. Der dritte der Bergünerstöcke, der Piz Ela, verweigert sich mir allerdings. Hartnäckige Wolken versperren die Sicht auf den Gipfel, und auch sonst beginnt es leider schnell zuzuziehen. Also konzentriere ich mich auf die Betrachtung der vielen kleinen Seen. Dann entdecke ich in der Seitenansicht des Piz Furnatsch ein Ebenbild des Urner Gitschens: Er sieht auch aus wie ein Schädel! Was für eine schöne Szenerie hier oben, ich komme bestimmt zurück!

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Der Piz d’Ela will sich nicht zeigen, in der Bildmitte der Pass d’Ela
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Seenlandschaft „Laiets“
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„The Scull“ – Piz Furnatsch, ein Ebenbild des Gitschen. Links hinten der Piz d’Err, rechts der Piz Platta

Nach der Passage der Seen beginnt der Abstieg über die steile Flanke ins Val d’Err. Der Weg ist überraschend flach angelegt, so dass sich der Abstieg dank vieler Zickzacks ungewohnt knieschonend präsentiert. Sobald der Bach überschritten ist, wird der Pfad zum Kiessträsslein. Ich bestaune kurz eine mobile Melkstation, so was habe ich noch nie gesehen. Intelligente Sache! Der Melkschemmel ist wohl auch hier oben Geschichte. Dann spaziere ich gemütlich hinüber ins Val d’Err. Ich treffe ein paar Jäger mit grossen Flinten, flinken Sprüchen, aber kleiner bzw. keiner Beute. Dann bin ich wieder alleine.

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Val d’Err

Im Aufstieg zur Furschela da Colm muss dann wieder richtig gearbeitet werden. Vor allem deshalb, weil eine Gruppe von Mutterkühen mir unmissverständlich zu verstehen gibt, dass ich unerwünscht bin. Der Klügere gibt nach. Ich weiche in die steilen Grasflanken aus und erreiche ziemlich ausser Atem die flachere Alp Parsettens.

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Sturer und stärker als ich…

Ab jetzt ist nur noch Genussswandern im leichten Auf und Ab angesagt. Mit einer grossartigen Sicht über das Oberhalbstein bis in die Surselva, und bergseitig immer mit dem stolzen Piz Platta vor Augen, erreiche ich die Aussichtskanzel Piz Colm. Hier dreht die Route nach Süden und passiert die Mondlandschaft der Alp Negna. Dann kommt die nächste Geländekammer und ich sehe die Alp Flix unter mir liegen. Auch die Sonne kommt zurück, was für ein friedlicher Anblick!

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Schweben im Parc Ela, Alp Negna
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Topfeben, die Alp Flix auf 2000m

Ich pausiere im weichen Gras und probiere mir zu erklären, wie diese grosse, flache Alp geologisch entstanden sein könnte. Wikipedia auf dem iPhone hilft: Es müssen verlandetete, stehende Gewässer gewesen sein, die dieses Hochmoor entstehen liessen. Bis zu 200 Walser kultivierten es im 15. Jahrhundert, bis die widrigen Lebensbedingungen und die grassierende Pest die Überlebenden ins Tal trieben. Ein paar kleine Seelein sind noch geblieben, die ich nach dem Abstieg auf die Alp besuche. Unverschämt schöne Kleinode, was für eine Pracht!

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Ohne Worte

Mit dem erhabenen Gefühl, einen grossartigen Tag auf schönen Wanderwegen erlebt zu haben, schlendere ich schliesslich zurück ins Hotel. Renske steht mit einem Bier für mich bereit. Mir geht’s gut.

Tourdatum: 8. September 2016

parc-ela-paesse-pdf

Interaktiver Kartenausschnitt

 

4 Kommentare

  1. Lieber Edwin, ja, Da hast Du Dir einen wunderschönen Ort ausgesucht und eine tolle grosse Tour zusammengestellt. Ich bin da immer wieder, seit 25 Jahren, als die Alp noch kaum erschlossen und nur wenigen bekannt war. Die Tour ist aber natürlich immer noch dieselbe – und ich find die Landschaft da oben am Orgel- und am Elapass immer wieder den Hammer. Und wie Du schreibst: das Restaurant ist ein Kleinod.

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