Alleine auf dem Rossstock 2460m ü. M.

Der Rossstock ist eher ein Nebenziel, wenn ich mich im Sommer auf der Lidernenkette bewege. Der Chaiserstock ist der überragende Dominator der Region. Im Winter jedoch ist das schmucke Gipfelchen ein überaus begehrenswertes Ziel, das mit vergleichsweise geringem Aufwand per Ski oder Schneeschuhe erreicht wird. Entsprechend häufig wird die prächtige Aussichtskanzel besucht, aber heute hatte ich ihn ganz für mich alleine.

Die Fahrt ins Riemenstaldental ist ein Erlebnis für sich. Kaum hat man die Axenstrasse verlassen, findet man sich in einem entschleunigten Berggebiet wieder. Die Bauern wirken beidseits des Strässchens, der Urnersee lacht von unten hoch, es ist unendlich friedlich, Frühling halt. Den Maschinisten der Gitschen-Seilbahn stört es nicht, dass er sein 4-Platz-Bähnchen nur für mich alleine in Bewegung setzen muss. „Es gibt genug volle Bähnchen“ meint er, als er mir mein Papierbillett, Style 70er Jahre, in die Hand drückt.

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Riemenstaldental mit Urnersee
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Die letzten Meter im Bähnchen… Chaiserstock in Sicht

500 Höhenmeter weiter oben ist es tiefster Winter – aber mit purer Sonne am Himmel. Ich montiere meine Sonnenbrille und die Schneeschuhe, der Daunenfliess verschwindet im Rucksack, die Handschuhe und die Kappe auch. Nur das Windschutzgilet über dem T-Shirt bleibt. Meine Augen suchen den Rossstock und finden ihn gleich. Er trohnt hoch über diesem zerklüfteten Gebiet, das durch die Regenrinnen im gefrorenen Schnee noch spektakulärer aussieht als im Sommer. Ich bin sprachlos ob dieser wilden Schönheit und ziehe ungestüm los wie ein junges Fohlen, das zum erstenmal den Stall verlassen darf.

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Gerippt, zerklüftet… und darüber der Rossstock

Ich folge der guten Spur meiner Vorgänger, die die Orientierung massiv vereinfacht. Am Fusse der ersten scharfen Steigung passiere ich leichten Fusses eine kleine Skitourengruppe. Der Schnee ist glatt geblasen und hart gefroren, er läuft sich wie auf einer Tartanbahn. Ich bin erstaunt, wie leicht es sich steigt, und lege noch einen Zahn zu. Die Höhenmeter schmelzen schneller unter meinen Füssen als der harte Schnee in der Prachtssonne. Schon bald erreiche ich das Mälchbödeli, wo ich auf einer grösseren Gruppe Schneeschuhläufer stosse, die von der Lidernenhütte hochgestiegen ist. Ich grüsse freundlich, bin aber etwas irritiert: „So viele Menschen an einem Freitag?“ Das bin ich mir nicht gewohnt. Doch die Gruppe nimmt’s eher gemütlich, so bin ich bald wieder alleine vorweg.

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Die ersten Meter in Richtung Spilauersee
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Schweben über den harten Schnee – ist das nicht einfach grossartig?

Das Landschaftserlebnis ist wirklich grossartig! Die Wächten, die Rinnen, die schroffen Felsen. Oder bin ich vielleicht als Schneeschuh-Novize einfach noch nicht daran gewohnt, was man im Winter alles antrifft? Bis vor kurzem hatte ich noch (zu) grossen Respekt vor Wintertouren über der 2000m Grenze.

Schon eine knappe Stunde nach Abmarsch von der Bergstation erreiche ich die Wasserscheide zum Schächental – und werde mit einem überwältigenden Panorama belohnt. Der Seitenblick zum geliebten Chaiserstock erfreut genauso wie der freie Blick auf die Windgällenkette. Der Gipfelgrat ist nun allerdings ziemlich vereist, auch macht sich hier ein kalter Westwind bemerkbar. Also: Softshell-Jacke an und gleich weiter. Das letzte Stück ist steil, aber grundsätzlich harmlos mit den griffigen Hilfsmitteln an den Füssen und den Stöcken in den Händen. Bald erblicke ich das schöne Gipfelkreuz und atme tief durch – wow!

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Auf dem Gipfelgrat. Chaiserstock und Fulen – dahinter der Glärnisch
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Eiszeit

Das Gipfelplateau ist ziemlich schmal, bietet dafür die perfekte 360-Grad-Sicht. Mit dem Sitzen ist das so eine Sache im Winter, aber mein Rucksack als Kissen und ein herausgeschlagener Sitzplatz in der Wächte schützen vor Nässe und Wind. So gebe ich mich dem Panorama-Genuss hin und kaue gemächlich an meinem Nussriegel. Der heisse Tee dazu fehlt leider. Weit unter mir tummeln sich ein paar wenige Schneefahrer im Skigebiet Eggberge. Nur das ferne Reusstal ist grün, sonst ist alles weiss. Nach der schönen Kurzweile der Einsamkeit mache ich mich an den Abstieg. Wenig später kreuzt sich mein Weg mit den zahlreichen Nachkömmlingen, die den Gipfel ziemlich füllen werden. Ich schmunzle und bin dankbar für die stillen Minuten.

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Gipfelglück mit Windgällenkette
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Reusstal und Sicht ins Berner Oberland

Meine Hochstimmung kennt keine Grenzen und so surfe ich rassig über die weissen Flächen hinunter. Bei der leider verlassenen Lidernenhütte – der Hüttenwart war selber unterwegs zum Rossstock – lege ich einen kurzen Stopp ein, um den grossartigen Halbtagesausflug nochmals verinnerlichen zu können. Dann knurrt mein Magen, und ich erinnere mich an die guten Rezensionen des Gasthauses Kaiserstock in Riemenstalden. Ich mache mich flugs auf dem Weg zur nahegelegenen Bahn, hüpfe in die luftige Kabine und sause ins Tal. Auf der Sonnenterrasse bei der Familie Gisler werde ich mit einer wunderbaren Gerstensuppe und schmackhaften Pastinakenravioli verwöhnt. Herrlich!

Kurz nach 14.00 sinke ich in Zürich tiefzufrieden in meinem Bürostuhl.

Tourdatum: 17. März 2017

Kartenausschnitt Rossstock (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

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