Die Fründenschnur und das Alpenglühen 2568m ü. M.

Normalerweise findet der Hüttenaufstieg zum Ausgangspunkt einer Hochtour wenig Aufmerksamkeit in meinen Blogbeiträgen. Aber die heutige Wanderung zur Fründenhütte gibt dank der Einbindung der aufregenden Fründenschnur, den Wetterkapriolen und der bemerkenswerten Herzlichkeit des Hüttenteams zu viel her, um darauf zu verzichten.

Meine Wanderung beginnt am frühen Nachmittag bei der Bergstation der Gondelbahn oberhalb des Oeschinensees. Da der Kiosk nichts Brauchbares zum Lunch bietet, folge ich den Schildern zur schöngelegenen Sennhütte. Die hausgemachten Würste schmecken gut, leider werden keine Alternativen zu den Pommes Frites als Beilage geboten. Von der Terrasse gleitet mein Blick über den türkisblauen See zu den angepeilten Zielen von Morgen, Galletgrat und Doldenhorn. Die starke Bise jagt die Wolken um die Bergkanten. Ich spüre ein leises Kribbeln, eine Mischung zwischen Vorfreude und Respekt.

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Fründenhorn und Doldenhorn, die Fründenhütte liegt auf dem Felsvorsprung vor dem arg geschrumpften Fründengletscher dazwischen

Der Wanderweg wird nun zum Bergpfad und führt unter überhängende Fluen hindurch dem See entlang. Immer wieder halte ich an, um die Route zu erspähen, die entlang der unüberwindbar scheinenden Wand auf der anderen Talseite führen muss: die berühmt-berüchtigte Fründenschnur. Vage meine ich Pfadspuren zu erkennen, will mich dann aber überraschen lassen. Auf der Höhe zweier Alphütten zweigt ein nicht markierter Pfad von der Hohtürli-Route ab. Offenbar soll der Weg Insidern vorbehalten bleiben, was angesichts der vielen turnbeschuhten Oeschinensee-Besucher aus aller Welt wohl auch vernünftig scheint.

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Am Hohtürliweg unter den Felsen
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Wo führt da wohl ein Weg hindurch?

Etwas weiter oben zeigt eine liebevoll geschnitzte Holztafel „Fründenschnur“ an, ab jetzt sind auch die Markierungen eindeutig. Es ist ein durchgängiger Pfad vorhanden und an den ausgesetzten Stellen sind grosszügig Stahlseile montiert. Die sind auch nötig, denn bald wird die Wiese schmaler und die Wände kommen näher. Ein junger Deutscher sitzt im Gras und macht Fotos. „Gehst Du nicht weiter?“, frage ich ihn. Er dürfe nicht, antwortet er, seine Freundin habe es ihm untersagt. „Dann folge mir mit der Kamera“, schmunzle ich, „und schicke meiner Familie ein Abschiedsfoto, wenn Du einen Schrei hörst!“.

Dann durchlaufe ich genussvoll die ausgesetzte „Schnur“, ein schmales Band, das stellenweise nur 50 Zentimeter schmal ist. Es führt unter tropfende, überhängende Felsen hindurch. Was für grandiose Tiefblicke! Das spannendste Teilstück ist für meinen Geschmack fast zu kurz, aber aufgrund der vielen Fotostopps bin ich immerhin eine gute Viertelstunde mit diesem aufregenden Erlebnis zwischen Himmel und Erde beschäftigt (Für Insider: Es ist wesentlicher harmloser als der Schnürliweg ).

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Impressionen von der Fründenschnur, I-V

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Bald werden die Wiesenstreifen wieder breiter, und der Pfad verlässt die Felsen. Ein erster Bach muss vorsichtig über eine Schneebrücke überschritten werden, der nächste scheint ein grösseres Hindernis zu sein. Aber siehe da, der Pfad führt zu einem Steinmännchen, wo sich der sonst gut zwei Meter breite Bach so tief in die Felsen eingegraben hat, das ein beherzter Schritt über das gurgelnde Tief genügt. Nach einer längeren Traversierung und einem weiteren schneebebrückten Bach erreiche ich den Hüttenweg. Ein riesiger Felsbrocken mit einer rot-weissen Kreismarkierung weist hier auf die Fründenschnur hin. Eine prächtige Holzbank lädt zur Pause und zum Rückblick auf den lohnenswerten „Umweg“.

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Wasserpower – wer sieht das Steinmännchen?

Nach dem Vergnügen folgt die Arbeit. Harte Arbeit. Sechshundert Höhenmeter wollen in unendlich vielen Kehren erklommen werden. Besonders attraktiv ist das nicht, aber effektiv. Wer Glück hat, sieht hier Steinböcke und findet so den Grund zum wiederholten Einhalten. Zwei fröhliche Girls aus Brunnen nutzen dieses Glück ausgiebig.

Das letzte Teilstück führt schliesslich entlang den Felsen über kunstvoll angelegte Treppen auf den Felsvorsprung, auf der die Fründenhütte trohnt. Hier lande ich im Nebel, der Fründengletscher ist kaum zu sehen, die Gipfel schon gar nicht. Wie so oft verhüllen sich die Berge spätnachmittags in dunkle Wolken. Ich bin trotzdem etwas enttäuscht.

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Hüttenweg-Baukunst
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Kein freundlicher Empfang – würde man meinen…

Meine Aufmerksamkeit wendet sich deshalb dem Hüttenteam zu, die mich zu meiner Überraschung wie im Fünfsternhotel begrüssen. „Hallo, bist Du Edwin? Hier, nimm mal ein Glas Tee! Willst Du den Apfelkuchen probieren?“. Ich bin sprachlos. Das Hüttenpaar Bernhard und Marianne macht die Hütte, die eigentlich schon recht in die Jahre gekommen ist und wenig Komfort bietet, zu einem Ort, an dem man sich sofort zuhause fühlt. Beim Nachtessen rückt das gute Dutzend Gäste auf den Eckbänken gesellig zusammen und geniesst in bester Laune den feinen Vier-Gänger, den das Team auf den Tisch zaubert.

Und siehe da, Petrus lässt sich von der ausgelassenen Stimmung anstecken. Er bläst die Wolken fort und lässt uns an einem wunderbaren Sonnenuntergang teilhaben. Schliesslich setzt das Alpenglühen ein – Fründehorn, Blüemlisalp und Doldenhorn leuchten um die Wette – ein schöner Tag findet ein festliches Ende.

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Endlich lichten sich die Wolken, und die Aufstiegsroute für morgen kann studiert werden
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Das Fründenhorn glüht…
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… und ein schöner Tag geht farbenfroh zu Ende

Tourdatum: 16. Juni 2017

Kartenausschnitt Fründenschnur – Fründenhütte (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

 

1 Kommentar

  1. lieber Edwin
    Gerade eben lese ich deinen Bericht über die Fründeschnuer und das Doldenhorn. Das sind super Bilder und ein ebensolcher süffig-geschriebener, schöner Text. Ich war jetzt für gute fünf Minuten in einer anderen Welt…..Kompliment.

    Ach wäre ich doch wieder irgendwo da hoch oben…anstatt im Büro bei 26 Grad Hitze und lästigen Pendenzen vor dem Wochenende.
    Da machst du etwas besser mit deinen freien Freitagen!

    lieber Gruss und viel Freude bei deinem nächsten Gipfel.

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