Der Grosse Mythen für Insider 1898m ü. M.

Den Grossen Mythen besuche ich regelmässig, da er garantiert Glückshormone sprudeln lässt. Das „Matterhorn der Wanderer“ lockt mit Nervenkitzel bei der Besteigung, dem genialen 360-Grad-Panorama eines freistehenden Zackens und den legendären Nussgipfeln des Bergrestaurants. Reichlich Belohnung für eine bescheidene Anstrengung. Nur die Wochenenden sind tabu, denn da wird der Kettenweg zum Grüeziweg und der Gipfel zum Ameisenhaufen. Heute begehe ich nach vielen Jahren wieder einmal die kribbelnde Alpinroute über den Schafweg und erklimme den Gipfel über das Rot Grätli.

Blogleser Jens erinnerte mich vor einigen Wochen an die T5/II-Route auf den Grossen Mythen. Das wäre doch auch eine tolle Tour für mich. Ich antworte ihm, dass ich die Route kenne, aber mich davor scheue, sie zu promoten. Die stark ausgesetzte Südflanke lebt von ihrer absoluten Stille. Das soll so bleiben. Trotzdem schaue ich mir später die neuesten Berichte dazu auf hikr.org an und stelle fest, dass hier in Bezug auf Sicherungen viel passiert ist, seit ich die Route vor fast 20 Jahren mit einem lokalen Kenner letztmals beging. Erinnerungen werden wach – ich gehe hin.

Ich parkiere bei der Talstation in Brunni und nutze den dreissigminütigen Aufstieg über die blumigen Weiden zur Holzegg um aufzuwärmen. Es ist Freitagmorgen, trotzdem sind viele Wanderer unterwegs. Alle paar Minuten ein „Grüezi“ beim Überholen oder Kreuzen. Auf der Holzegg erfolgt das obligate „Ohh!“, wenn die Sicht auf den Vierwaldstättersee und die Zentralschweizer Alpen frei wird. Dann stehe ich am Fuss der mächtigen Felspyramide und betrachte die endlosen Kehren, die über die Ost- und Nordflanke auf den Gipfel führen. 47 an der Zahl sind es – schön nummeriert mit weisser Schrift – bis eine Tafel „noch 30 Meter zu den Nussgipfeln“ das Ende des schweisstreibenden Aufstiegs ankündigt. Ich verlasse den Weg bei Kurve 22. Nichts deutet hier auf den Beginn des Schafwegs hin, und das ist gut so.

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Die zahme Ostflanke des Grossen Mythen (links im Bild) erlaubte den Bau des Kettenweges und damit die Erfolgsgeschichte des Grossen Mythen.

Direkt aus der Kurve führt eine felsige, plattige Runse nach oben, die im Allradantrieb bewältigt wird. Eine gute Warnung. Wer sich hier nicht wohl fühlt, kehrt um. Wenn es nass ist, kommst Du gar nicht hoch. Auch gut, denn Nässe ist Gift für das Kommende. Nach etwa 30 Meter zeigen ein verblasster blauer Punkt und Strich an, dass die Runse hier nach links verlassen werden muss. Ab hier ist die ganze Route durchgehend mit blauen Punkten markiert. Sie führt zunächst horizontal über schwache Trittspuren durch eine immer steiler werdende Grasflanke an den Rand eines Abbruchs, der durch einzelne Legföhren angekündigt wird.

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Jetzt geht’s runter, mit Seile und Ketten gut gesichert.

Ab hier geht es rund 100 Höhenmeter runter, fast vollständig seilgesichert. Das Highlight ist die Traverse über ein schmales Felsband, das zwar extrem ausgesetzt ist, aber dank des Seils kein Problem darstellt. Wenig später erreiche ich den untersten Punkt des Wyss Nollens, eine riesige, helle Felsformation inmitten des sonst rötlichen Gesteins des Gipfelaufbaus, die umgangen werden muss. Ein kleines Wasserrohr kommt hier aus dem Berg, das Nollenbrünneli. Wer das wohl angelegt hat? Die Sicht ins Tal ist überwältigend. Ich lege eine kurze Pause ein, um einer Bergkollegin in Schwyz einen Fotogruss zu schicken.

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Ausgesetzt, aber dank Seil problemlos. Die Felstraverse
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Steil geht es runter um den Wyss Nollen herum… aber die Sicht ist umwerfend

Dann folgt die (für meinen Geschmack) Schlüsselstelle der Tour. Über mir liegt die wonnige Mythenmatte, ein grünes Dreieck zwischen den Wänden, auf dem zwei Gämse (noch) friedlich grasen. Der Weg dorthin führt entlang eines heftigen Abgrundes, an dessen Ende ein trockenes Bachbett überschritten wird. Bis dort ist alles seilgesichert, aber nach dem Bachbett nicht mehr. Die ersten zwanzig Meter danach sind ziemlich steil und vorallem geröllig. Ich achte peinlichst darauf, wohin ich meine Füsse stelle. Die Hände helfen mit. Wegrutschen ist keine Option. Schwyz ist zwar schön, aber ich besuche das Städtchen lieber nicht im Flug. Wenn jemand in Zukunft noch etwas mehr Seile montieren will, dann bitte zuerst hier.

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Der Fuss des Wyss Nollen und die Mythenmatte (den unteren Pfad nehmen)
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Die Schlüsselstelle von oben. Bis zum roten Gestein im Bachbett führen Ketten, dann wird es etwas unangenehm

Doch bald stehe ich auf der grünen Matte, die schöne Fusstritte aufweist, auf denen es sich angenehm hochsteigen lässt. Zuoberst gönne ich mir eine ausgedehnte Chillpause. Der See glänzt, die Sonne lacht mir zu, hier auf der Wiese ist man sich der Steilheit um sich herum nicht bewusst.

Nun kommt das Filetstück, das grasig-felsige Rot Grätli. Tritte sind überall genug vorhanden und die blauen Markierungen vermitteln ein angenehmes Sicherheitsgefühl. Seile gibt es hier nicht, aber sie sind bei Trockenheit auch nicht nötig. Nur kurz vor dem Ende des ersten Aufschwungs wird ist es bei einer Querung kurz etwas gar luftig unter den Füssen, aber die Griffe halten gut und so stehe ich bald munter auf dem kurzen Zwischengrat. Ob die kleine Marienfigur im Fels wohl dafür angebracht wurde? Ich schmunzle. Der Blick zurück ist atemberaubend, der nach oben etwas furchteinflössend, scheint doch der zweite Aufschwung schwieriger zu bewältigen als der erste.

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Der erste Aufschwung ist bald geschafft
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Der kurze Zwischengrat im Rückblick

Doch wie so oft sieht aus der Nähe alles anders aus, die Kraxlerei ist viel einfacher als gedacht. So stehe ich bald am Einstieg eines Kamins, das auf den Gipfelgrat führt. Es lässt sich dank einer kurzen Kette und eines Seilstücks mühelos mit wenigen Handgriffen überwinden. Sobald ich meinen behelmten Kopf da rausstecke, sehe ich wenige Meter von mir die riesige Schweizer Fahne. Und in die Gesichter einiger erstaunter Gipfelstürmer. „Da kommt man hinauf?“ Tatsächlich sieht man den letzten Aufschwung vom Gipfelplateau nicht mehr. Fazit Rot Grätli: enorm steil, aber klettertechnisch trotzdem nur knapp eine II.

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Froschperspektive: Das Kamin kurz vor dem Gipfel
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Der Nussgipfel-Tempel

Der Rest ist schnell erzählt. Die Gerstensuppe ist fein und der Nussgipfel wirklich Hammer. Zutiefst befriedigt vom Erlebten entfliehe ich trotzdem bald den (lauten) Massen und mache mich an die 47 Kurven Abstieg zur Holzegg. Bei Kurve 22 halte ich nochmals inne und überlege mir aufs Neue, ob ich den Beitrag nun schreiben soll oder nicht. Das Resultat liegt vor Euch.

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Normalroute Kettenweg: Besser gesichert geht’s nicht
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Der Blick von Kurve 47 hinunter zur Holzegg

Tourdatum: 18. August 2017

N.B. Wer den Schafweg und das Rot Grätli begehen will, lese bitte mindestens auch die Berichte auf hikr.org, z.B. diesen, oder jenen von den Bergmuzzae. Sie beschreiben die Route sehr präzis mit vielen Bildern.

Kartenausschnitt Grosser Mythen (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

Mythen-Schafweg
Auf Google Earth sieht man den Reiz der Südflanke gut. Rot eingezeichnet die Route von Kurve 22 zum Wyss Nollen und über die Mythenmatte und das Rot Grätli zum Gipfel

 

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