Die Faszination von Eis und Wasser 2940 m ü. M.

Die hochalpine, aber unschwierige „Eis und Wasser“-Wanderung am westlichen Ende der Berner Alpen rechtfertigt einen eigenen Blogbeitrag, auch wenn sie heute „nur“ die Nebenrolle einer ungeplanten Anschlusswanderung spielt. Sie beginnt auf fast 3000m auf dem Sex Rouge, führt über den Tsanfleuron-Gletscher zum markanten Teufelszahn (Quille du Diable) und danach über gletschergeschliffene Felsen zur Cabane de Parrochet und zum Sanetschpass. Die Prachtstour endet an der Staumauer des Sanetschsees, wo eine kleine Werksbahn den müdegewordenen Wanderer ins Tal nach Gsteig hinunterträgt – sofern der Wind es zulässt …

Ich stehe nach dem Aufstieg über die Via ferrata des Dames Anglaises auf dem Sex Rouge und stelle fest, dass die Glacier 3000-Bahn nicht fährt. Berg und Gletscher sind vollkommen menschenleer. Auch der Sessellift, der die Bahngäste auf den Glacier de Tsanfleuron hinunterlässt, steht still. Schuld daran ist ein starker Südwestwind, der auf dem breiten Gletscherplateau aber kaum spürbar ist.

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Oldenhorn, der westlichste Gipfel der Berner Alpenkette

So steige ich anstatt in die Bahn vom Schuttrücken auf den weitgehend spaltenfreien, fast komplett aperen Gletscher hinunter. Von hier traversiere ich zur markierten Piste der Ratraks, die normalerweise staunende Gäste aus der ganzen Welt zur spektakulären Quille de Diable am anderen Ende des Gletschers führen. Es ist 12 Uhr, eigentlich viel zu spät für eine Gletscherwanderung im Sommer. Ich watschle durch das schmelzende Eis, versuche den schlimmsten Pfützen aus dem Weg zu gehen, sinke aber doch immer wieder bis über die Knöchel in die blauweisse Brühe ein. Wer hier trockenen Fusses wandern will, sollte die erste Bahn um 9 Uhr nehmen!

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Blick über den Glacier de Tsanfleuron zum Wildhorn und den Berner Alpen

Eine knappe halbe Stunde dauert der Spass, bis ich trockenen Boden erreiche. Wenige Minuten später stehe ich beim einsamen Refuge am Fuss des eindrücklichen Felszackens, wo ich es mir auf der Terrasse bequem mache und meinen Notproviant (eigentlich wollte ich ja im Botta-Restaurant dinieren…) vor mir ausbreite. Ich kaue die trockenen Blevitas und bewundere die unendliche Anzahl Berge, die man von hier aus sieht.

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Quille du Diable und Weisshorn als Fern-Kulisse

Es ist zwar nicht allzu klares Wetter (darum hänge ich am Ende des Beitrags ein paar Winterbilder an), dennoch sind Bietschhorn, Weisshorn, Grand Combin und Mont Blanc gut erkennbar. Ein Fest für das Auge. Senkrecht unter mir erstreckt sich die Vallée de Derborence, westlich davon die vergletscherte Seite der Diablerets.

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Les Diablerets

Gleich unter der Quille du Diable, an der man sich auch nicht satt sehen kann, beginnt der Weg über den Gletscherschliff ins Tal. Rot-weisse Markierungen zeigen die Richtung, einen Pfad gibt es nicht. Es hüpft sich leicht über die glatten Felsen, immer wieder blinkt das stille Wasser kleine Felsseen in der Sonne. Ab und zu zeigen sich gelbe Astern, die es irgendwie geschafft haben hier zu Nahrung zu kommen. Nebel wäre schlecht, zu schnell würde man sich im Labyrinth der Felsen verirren.

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Gletscherschliff und Quille du Diable

Vergnügt erreiche ich die Cabane de Parrochet, die einst dort gebaut wurde, wo der Gletscher aufhörte. Heute sieht man sein blassblaues Glänzen nur noch in weiter Ferne. Eine Tafel zeigt die Geschichte des Gletschers seit dem Ende der kleinen Eiszeit (1350 bis 1850) auf, als die Eismasse ihre grösste Ausdehnung erreichte. Ab der Hütte dauert die heitere Surferei über den ehemaligen Gletschergrund noch eine halbe Stunde an, bis ich wieder auf Erde, Gras und Flora stosse. Auch schön.

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Felsseen und ein weichender Gletscher…

Ich drehe mich aber noch einige Male um, um mich von dieser eindrücklichen, von der Kraft des Gletschers geformten Felslandschaft zu verabschieden. Bald erreiche ich die Passstrasse, die nur vom Wallis aus erreicht werden kann. Sie endet am Stausee auf der Berner Seite. Der Wanderweg ist hier einfach, es bleibt viel Zeit zum Herumschauen. „Ein nettes Auslaufen“, denke ich mir, bald gibt es ein Bier in der Auberge am See und danach die bequeme Talfahrt mit der Werksbahn.

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Sanetschsee

Doch – ojemine – gleich Beides bleibt ein Traum. Die Beiz wurde geschlossen, weil der Besitzer hier etwas gar „freestyle“ gebaut und gewirtet haben soll – Erinnerungen an den Giusep Fry’s Eskapaden auf dem Üetliberg werden wach. Und dann kommt mit der Talenge auch der starke Wind zurück. „Leider zu heftig!“ sagt die Stimme am Telefon, als ich konsterniert vor der geschlossenen Türe der Bahn stehe.

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Viele Serpentinen bis nach Gsteig

Also – nochmals weiterlaufen! Die „Wand von Gsteig“ – das sind 800-Höhenmeter Abstieg auf engstem Raum. Aus der Bahnkabine sehen die steilen Flanken jeweils toll aus, aber jetzt haben meine Beine eigentlich keine Lust mehr darauf. Hunger habe ich auch und Blevita will ich nicht mehr. So denke ich ganz fest an das bevorstehende 1. August Buffet im Hotel Alpina und mache mich tapfer an die stündige Kniemassage. Immerhin kühlt der Wind gut, und bald erfreue ich mich an den Kuriositäten, die das Wasser geschaffen hat, das einst als Eis auf dem Tsanfleuron lag (siehe Foto unten.).

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Wasserkunst

Und weil Glückspilze ja immer Glück haben (weil sie sich auf das Schöne konzentrieren und alles andere ausblenden): Im Tal nimmt mich ein freundlicher Gstaader mit dem Auto mit nach Gsteig. So komme ich im Bären noch zu einem wunderbar erfrischenden Bier, bevor mich das Postauto zum Col du Pillon zurückbringt. Last but not least: Das Buffet im Alpina hat noch nie so gut geschmeckt!

Tourdatum: 1. August 2017

Kartenausschnitt Eis und Wasser (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

Zum Vergleich ein paar Winterfotos vom Tsanfleuron:

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Der Gletscher im Winter…
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Quille du Diable im Winter

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