Die einsame Rotbandleiter 2627m ü. M.

Vor einiger Zeit machte mich Leserin Jolanda auf die Rotbandleiter bei Engelberg aufmerksam. Walter und ich suchen eine Routenbeschreibung auf hikr.org und finden die eindrückliche Konstruktion „in the middle of nowhere“. Wir umrunden dabei den markanten „Hahnen“ auf etwas abenteuerliche Weise. Eine einsame, steinige Tour für Alpinwanderer mit gutem Orientierungssinn.

Wir beginnen in Ristis ob Engelberg. 18 Stutz für 5 Minuten Seilbahn und fünf für den Parkplatz. Aber janu, die 600Hm vom Tal wollen wir uns sparen, wir sind später froh darum. Gemütlich gwagglen wir zur Rugghubelhütte, wo Aprikosenkuchen zum Znüni geboten wird, sehr fein! Wir erkundigen uns beim Hüttenwart nach der Rotbandleiter. Er will uns zunächst nicht richtig Auskunft geben, im Sommer gehe da kaum einer mehr hin. Aber wir insistieren, und dann hilft er mit nützlichen Hinweisen. So finden wir nach 10 weiteren Wanderminuten das Steinmännchen, wo die weglose Route in einem 90 Grat-Winkel vom Wanderweg zum Rotgrätli abzweigt (siehe Foto).

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Der Hahnen morgens im Aufstieg zur Rugghubelhütte
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Hier zweigt der Weg ab (Steinmännchen 1-3, rechts, Mitte, hinten)…dann gehts durch Karst hinunter zum Bach
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Im Tälchen: Ab rechts der grossen Moräne (links der Mitte) markieren blaue Punkte die Route zum Fulenwassergrat

Nach drei Steinmännchen hören die Markierungen im Karstgelände auf, wodurch wir „der Nase nach“ zum Bach hinunter steigen. Hier sieht man die markante Moräne gut, die auf hikr.org beschrieben ist: „rechts davon hochsteigen“. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten treffen wir auf die ersten blauen Punkte, die uns zum früheren Boden des inzwischen weit zurückgezogenen Griessgletschers hinaufführen. Die Wüste ist steinig, unendlich steinig. Doch die Punkte zeigen den Weg durch das Labyrinth. Weiter oben erreichen wir zunächst schönen Gletscherschliff, dann erneut Karstgestein. Ein rauhes, wundersames Gelände. Bald stehen wir auf dem zerfurchten, breiten Fulenwassergrat. Dieser führt nun geradewegs zum Hahnen, Steinmännchen weisen den Weg – aber aufgepasst: nicht unseren Weg! Markierungen für unsere Tour gibt es ab hier nämlich keine mehr.

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Über den Gletschergrund…
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… über Gletscherschliff auf den Grat. Mit Blick zurück zum Engelberger Rotstock, Wissigstock und den Resten des einst mächtigen Griessgletschers
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Der Fulenwassergrat führt von Osten zum Hahnen. Links der Titlis

Es gilt jetzt die Höhe (leicht über 2500) zu behalten, ein paar Hundert Meter nach Südosten abzudrehen und dann von möglichst weit oben in das Tälchen namens „Fulenwasserteufi“ einzutauchen (siehe Kartenausschnitt!). Es wird hier ziemlich geröllig, nicht heikel, aber nicht besonders fussgelenkfreundlich. Wir steigen bis 2250m ab, wo wir um eine Felsband drehen und über die Flanke zum Rotband hochsteigen können. Der Boden wird vorübergehend wieder etwas grüner und das Gehen angenehmer. Trotzdem spüren wir die Beine, als wir die kleine Erhöhung bei Punkt 2504 erreichen, wo wir uns zum Lunch niederlassen.

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Die geröllige Fulenwassertüfi: Zuerst 250Hm hinunter, dann wieder hinauf.
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Blick von Punkt 2504: Der Hahnen von Süden.

Wir diskutieren, wie spannend oder öde dieses Steinhüpfen nun gewesen sei, kommen aber zum Schluss, dass wir dafür den fotogenen Hahnen von allen Seiten gesehen haben. Dann nähern wir uns der Rotbandwand und suchen die Leiter. Und tatsächlich, da ist sie. Keck ragt das Gestänge über die Wand hinaus, zuoberst im steilen Winkel, weiter unten dann zunehmend senkrecht bis leicht überhängend. Ich traue den Werken aus menschlicher Hand grundsätzlich weniger als griffigem Fels, stelle aber bald fest, dass das ausgesetzte Ding gut hält. Wir steigen easy die rund 90 Tritte ab, anspruchsvoll sind eigentlich nur die letzten 10 Meter unterhalb der Leiter in einem Felscouloir (mit Stahlseil), bis wir schliesslich wieder festen Grund unter den Füssen haben.

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Cool – die Leiter ins Nichts
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Unter der Wand – jetzt führt eine klare Spur zum nahen Wissberg

Vom Wandfuss aus ist die weitere Routenführung eindeutig. Die Spur führt durch viel Kies durch den „Tiergarten“ (wie kommt man bloss darauf!) zur Gipfelscharte des Wissbergs, wo uns die beiden Spannörter begrüssen. Noch ein paar Meter mäandern über den Grat, dann sitzen wir auf dem Gipfel. Ab hier ist alles weiss-blau-weiss markiert. Der Abstieg über den Westgrat und die steinige Südflanke ist allerdings nichts für Leute mit Schwindelgefühlen.

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Die Fürenalp und die Spannörter

Weit unten sehen wir den Endpunkt der Tour: Das Restaurant der Fürenbahn, worauf wir zielstrebig zusteuern. Nach Stunden voller Konzentration im unwegsamen Gelände ist das Auslaufen über die markierten Pfade in den grünen Wiesen angenehm. Meine Gedanken schweifen weg zur Klettersteigroute durch die Fürenwand, die ich mit Lea schon zweimal gemacht habe. Der erste Schluck Bier auf der sonnigen Terrasse setzt dann das Tüpfchen auf dem i eines schönen Wandertags mit Walter.

Tourdatum: 19. September 2018

Kartenausschnitt Rotbandleiter (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitabgaben

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