Die Mystik der Jungfrau 4158m ü. M.

Nach der gestrigen Mönchüberschreitung folgt heute die Erklimmung der Jungfrau über den Rottalsattel. Eine komplett andere Geschichte. Die Gletscher verlangen einen frühen Start, anstatt Mittagssonne gibt es heute Sonnenaufgang. Gletscherspalten, Abgründe, Wetterkapriolen, aber auch Erinnerungen und Emotionen prägen den Tag. Die besondere Bergmystik der Jungfrau lässt mich nicht kalt.


Um 02.45 klingelt der Wecker im halbvollen 12er Schlag. Die Nacht in der Mönchjochshütte war endlos, mehr als Dösen geht bei mir auf 3650m nicht.Also fünf Stunden Warten auf den erlösenden Wecker. Katzenwäsche, Rucksack packen, Tee abfüllen, Frühstück – gesprochen wird wenig. Ab 3.30 verwandeln sich die Bergzombies in rund 30 Leuchtwürmchen und setzen sich in unterschiedliche Richtungen in Bewegung. Dann ist es am Mönchjoch wieder ruhig.

Wir folgen dem planierten Trassee zum Sphynxstollen und von da an den Spuren über den Gletscher. Fast 400m Höhe haben wir abgebaut, bis unterhalb des Rottalsporns die Steigung beginnt. Im Schein der Stirnlampen sieht man die Spalten gut, der Schnee ist zum Glück fest gefroren, wir kommen zügig voran.

Die Route zur Jungfrau vom Mönchgrat gesehen: vorne der Stollenausgang, links der Rottalsporn, von dort führt die Route über Firnrücken und Rottalsattel zum Gipfel

Die Felsen des Rottalsporns überwinden wir in einfacher Kletterei (stellenweise II). Wir profitieren davon, dass wir nur zu zweit am kurzen Seil gehen. Wir überholen die vor uns gestarteten Seilschaften im Minutentakt und erreichen eine gute Stunde nach Abmarsch den Firnhang, der zum Scheitel des Sporns führt. Hier ziehen wir die Steigeisen an. Nur noch die andere 2er Seilschaft mit dem Lauener Bergführer Ueli ist vor uns.

Die Stirnlampe verschwindet im Rucksack. Es ist fünf Uhr, der neue Tag kündigt sich an. Im Osten verfärbt sich der Himmel orange, die Gipfelsilhouetten zeichnen sich dagegen schwarz ab. Der Schnee reflektiert das wenige Licht, die Gletscherspalten neben uns leuchten zartblau. Majestätisch präsentiert sich der Mönch im Gegenlicht.

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Eiger und Mönch im Gegenlicht
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Die Eiswelt im ersten, fahlen Licht

Wir steigen über die steilen Firnhänge hoch, der Schnee ist nicht überall gleich hart gefroren. Jedes Einsinken kostet viel Kraft. Schritt für Schritt gewinnen wir an Höhe, schon kommt der steile Rottalsattel in Sicht. Mit dem Auftauchen dieser berühmt-berüchtigten Schlüsselstelle kommen kurz Zweifel bei mir auf. Soll ich wirklich auf diese Jungfrau? Ich muss an das schreckliche Unglück denken, das 2007 sechs Rekruten das Leben gekostet und ihre Familien in unendliche Trauer gestürzt hat. Dann tauchen aus dem Nichts Wolkenfetzen auf, die den Gipfel einhüllen. Sind sie ein Warnzeichen für mich? Was hätte meine Mutter mir geraten, die die Jungfrau so geliebt hat und der ich diese Tour gewidmet habe? Meine Gedanken schweifen immer tiefer ab in eine melancholische Nachdenklichkeit.

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Das Rottalsattel naht, hier sieht es noch nicht so steil aus…
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Sonne!

Am Fuss des Sattels führt mich Peter rasch in die reale Welt zurück: „Sichere Dich hier mit dem Pickel, ich steige vor“. Wir klettern konzentriert in den Tritten unserer Vorgänger die steile Schneewand hoch und erreichen problemlos den schmalen Sattel. Genau in diesem Moment wärmen die ersten Sonnenstrahlen meinen Nacken. Das Gipfelfirn vor uns leuchtet in zartem orange, was für ein friedvolles Bild! Die Verhältnisse sind perfekt, die gefürchtete Traverse zu den Felsen jenseits des Sattels lässt sich problemlos am kurzen Seil begehen. An Tagen wie heute kann man es sich fast nicht vorstellen, wie gefährlich es hier sein kann. Wer ausrutscht verschwindet über die Wand und landet 1000m weiter unten auf dem Rottalgletscher.

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Keine Zeit mehr zum Nachdenken…
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Vom Gipfelgrat sieht man die eindrückliche Route über den Sattel gut
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Die Lichtspiele schärfen den Grat noch etwas mehr…

Wir kraxeln das Felsband hoch und erreichen das Gipfelfirn. Es folgen weitere 20, anstrengende Minuten. Die Hangneigung von rund 35%, das monotone Schneestapfen und die dünne Luft fordern ihren Tribut. Die letzten Meter führen wieder über Felsen, das Kratzen der Steigeisen durchbricht die Stille, die leichte Bise bläst uns kalt ins Gesicht, Wolkenfetzen fegen über den Grat. Kurz vor sieben Uhr kommt der grosse Moment: Die Sonne leuchtet über dem Gipfel, als wir ihn erreichen. Ein magischer Moment in einer mystischen Stimmung!

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Gipfel oder Himmelspforte?

Benommen vor Freude und Anstrengung setze ich mich auf einen mit Reif überzogenen Felsbrocken. Ich brauche ein paar Minuten, um die Eindrücke richtig einordnen zu können. Dann widme ich mich der Aussicht und der einzigartigen Stimmung, die die herumtanzenden Wolkenfetzen schaffen. Der Mönch bekommt kurz eine Kappe, Breithorn und Tschingelhorn spielen Versteckis, das Finsteraarhorn wacht über die Bergwelt. Eine halbe Stunde später ist der Himmel wieder blau.

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Mystik pur – das Finsteraarhorn im Hintergrund
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Mönch mit neckischer Kappe

Wir verlassen den Gipfel nach dem Eintreffen der nächsten Seilschaft, vier junge, coole Urner. Der Abstieg führt uns über dieselbe Route zum Jungfraujoch zurück, jetzt aber bei vollem Tageslicht – und an der warmen Sonne. Der Schnee wird rasch weicher, und das Vorwärtskommen ist bald nicht minder anstrengend als der Aufstieg. Kurz vor Zehn erreichen wir nach einer giftigen Gegensteigung müde das Plateau des Jungfraujochs, wo uns die Touristen in Empfang nehmen.

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Abseilen am Rottalsporn, nun bei Tageslicht
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… und zum Schluss nochmals giftige 200m Steigung hoch zum Jochplateau links oben

Wir entkommen den Rummel mit der nächsten Bahn. Bei einer deftigen Portion Rösti auf der Terrasse  des Hotels Schönegg in Wengen verabschieden wir uns schliesslich von der imposanten Dame und danken ihr, dass sie uns so wohlgesinnt war.

Tourdatum: 6. August 2015

Kartenausschnitt Jungfrau (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

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