Das Kreuz am Rophaien 2078m ü. M.

Was der Corcovado für Rio de Janeiro ist, ist der Rophaien für den Kanton Uri – ein überdimensional „bekreuzter“ Berg. Er lässt sich an diesem warmen Novembertag als Teil einer Trilogie besteigen. Eine abwechslungsreiche Tour durch ein südländisch anmutendes Waldreservat am Urnersee, über drei Gipfel (und ein Gipfelchen) zu den lieblichen Eggbergen.

Ein blaues Kistchen trägt mich aus dem dichten Nebel auf die hübsche Alp Ober-Axen rund 500m über dem Urnersee. Die Beiz ist zu, aber ich bin dankbar, dass der bahnbedienende Bauer mein Telefon gehört hat. Wir wechseln ein paar Worte, dann bin ich alleine.

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Ein nettes Transportmittel, die Ober-Axen Bahn
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Der Blick von Ober-Axen über das neblige Reusstal zum Bristen

Von hoch oben schaut das mächtige Kreuz vom Rophaien auf mich herab. Der Wanderweg in Richtung Eggberge führt rasch steigend durch den staubtrockenen Wald zu ihm hin. Die knorrigen Bergföhren sind den Urner Föhn gewohnt, sie werden jetzt sicher auch mit der aussergewöhnlichen Trockenheit fertig. Ich komme mir vor wie in Süditalien, es riecht wohlig nach trockenen Nadeln.

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Knorrig, diese föhnerprobten Bergföhren

Bei Hintereggen zweigt ein blauweiss markierter Pfad zum Rophaien ab, es wird umgehend steiler. Im endlosen Zickzack lasse ich die eine Höhenkurve nach der anderen hinter mir. Das Kreuz wird immer grösser und lässt den Gipfel nah erscheinen. Aber das täuscht…

Knapp 90 Minuten nach dem Start erreiche ich den Gipfelgrat. Auf der Riemenstaldner Seite blicke ich direkt in die Augen dreier Gämse, keine 10 Meter von mir entfernt. Sie erschrecken sich zu Tode und flüchten den steilen, hart gefrorenen Nordhang hinunter. „Es tut mir Leid“, rufe ich ihnen nach, „warum habt ihr auch immer so Angst vor uns Menschen!“. Dabei bin ich heute sogar rasiert.

Das nächste Teilstück folgt dem Grat, eine Viertelstunde später erreiche ich den Gipfelaufbau mit dem 10 Meter hohen, metallenen Kreuz, das mit diversen Stahlseilen verankert ist. Die Sicht ist grossartig, auch wenn ich den Urnersee vermisse, der sich immer noch unter der Nebeldecke versteckt.

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Feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag – das Gipfelkreuz auf dem Rophaien
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Blick vom Rophaien hinunter nach Ober-Axen, leider ohne Urnersee

Da das Panorama vom Diepen noch schöner sein soll, vertage ich die Lunchpause noch etwas und laufe weiter. Der Pfad folgt dem Grat, er ist nun leicht ausgesetzt und stellenweise mit Stahlseilen gesichert. Die Wegführung macht Spass, wenig später überschreite ich das wenig spektakuläre Äbneter Stöckli. Beim Sattel darunter verlasse ich den markierten Weg und folge den Spuren entlang des Grats zum Diepen. Es wird steil, und es beginnt sich zu rächen, dass ich etwas zu schnell unterwegs bin. Mit ziemlich sauren Beinen erreiche ich den Gipfel, der genau auf der Schnapszahl 2222m liegt. Ich schüttle meinen Kopf ob meiner Dummheit und gebe mich dann zum Trost einer ausgedehnten Siesta im Gras hin.

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Die Gratroute zum Diepen, dahinter der Chaiserstock
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Der Blick zurück zum Rophaien

Ich sauge die warmen Sonnenstrahlen auf, spüre aber auch die Kälte, die der Wind mit sich trägt. Ich geniesse die totale Ruhe und das grosse Gefühl der Freiheit, trotzdem überfällt mich leise Melancholie. Es wird heute wohl die letzte Tour des Jahres über 2000m sein.

Nach fast einer Stunde besinnlicher (und erholsamer) Rast steige ich über die steilen Grashalden der Nordseite ab zum Bergweg, der nun im wechselnen Auf und Ab zum Firtiggrätli und von dort zur Schön Chulm führt. Die Kälte ist hier schon richtig angekommen, der gefrorene Boden ist bereit für den Winter.

Auf der Schön Chulm kommt die Wärme wieder zurück, auch bin ich jetzt nicht mehr alleine. Der namenlose, schöne Aussichtspunkt (Pt. 2046) scheint das Ziel vieler Wanderer zu sein, die bei den Eggbergen zu einer gemütlichen Tour gestartet sind. Der Abstieg von hier führt rasch zu den grossen Blöcken und Bäumen des geschützen Gruonwalds, dann flacht das Gelände ab – wenig später erreiche ich das winzige Flesch-Seeli. Schon von weitem höre ich das Schwyzerörgeli der Wirtin des „Flesch-Kiosks“ und freue mich auf das Schorle und die Schweinsbratwurst auf der Terrasse des geselligen Beizlis.

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Der Diepen von der Schön Chulm gesehen
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Die musikalische Beizerin und ihr Kompagnon erfreuen die Gäste

Trotz der etwas müden Beine nehme ich die Hüenderegg (es lohnt sich!) noch „mit“ auf dem letzten Teilstück der Wanderung zur Bergstation Eggberge. Vom Gipfelchen führt der Weg erneut durch offenen Wald, mit schönen Tiefblicken ins Reusstal, wo sich der Nebel jetzt endlich zu lichten beginnt. Das letzte Stück kürze ich querfeldein über die sonnigen Wiesen des kleinen Skigebiets ab, das gerade für die kommende Saison vorbereitet wird.

Ich werfe etwas wehmütig einen Blick zurück zur schönen Gipfelreihe des Rophaien, verabschiede mich vom Uri Rotstock und seinen Kollegen auf der andere Talseite und lasse mich dann bequem die 1000Hm nach Flüelen hinuntergondeln.

Tourdatum: 12. November 2015

Kartenausschnitt Rophaien-Diepen (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

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Das heutige Tageswerk, von der Hüenderegg gesehen

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