Unterwegs im Goldauer Bergsturz 1575m ü. M.

Heute bin ich als „Katastrophentourist“ unterwegs. Was Schüler als Geologieexkursion erleben (sollten!), hole ich heute nach: Eine Begehung des Goldauer Bergsturzes. Die gewählte Route führt mich an alle bemerkenswerten Schauplätze dieses Dramas. Sie wird abgerundet mit der Traversierung der Rossbergkette bis nach Sattel. Eine lohnenswerte Tour an einem warmen, schönen Frühlingstag wie heute.

Vom grossen Parkplatz des Tierparks in Goldau aus studiere ich die scharfen Bruchstellen hoch oben am Rossberg, wo am verregneten 2. September 1806, gegen fünf Uhr abends, die Katastrophe ihren verhängnisvollen Lauf nahm. Innert Minuten donnerten 30 bis 40 Millionen Kubikmeter Gestein ins Tal. Mehrere Schuttströme begruben drei Dörfer mit mehr als 100 Häusern unter sich und töteten über 450 Menschen. Das Ereignis bewegte damals ganz Europa. Ich betrachte die Kinder, die sich fröhlich auf dem grossen Spielplatz im Auslaufgebiet der Lawinen balgen. Was für ein friedlicher Kontrast zur schauderhaften Erinnerung an die zerstörende Naturgewalt!

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Der Rossberg mit den gut sichtbaren Abbruchkanten

So laufe ich motiviert los, folge den Schildern in Richtung „Gnipen“ und tauche gleich in den Schuttwald ein, wie der untere Teil der Route auf der Karte sinnigerweise heisst. Ein dichter, wilder Wald, durchsät mit kleineren und grösseren Brocken. Der schmale Pfad mäandert über Wurzeln und Steine. Ein Stück weiter oben erinnert eine Tafel daran, dass sich der Wanderer nun mitten im Bergsturzgebiet bewegt. Bei der Tausendmeter-Grenze öffnet sich das Grün. Es wird karger, aus Wald wird Taiga, später Tundra. Jetzt wird der Blick auf die Bruchstellen frei, der Pfad verläuft nun entlang einer Felskante am westlichen Rand des Rutschgebiets. Der Spurverlauf ist nicht immer ganz eindeutig, neue Rutsche machen dem Pfad zu schaffen. Auch die Bodenerosion hat eindrückliche Strukturen hinterlassen. Ich bin beeindruckt und nachdenklich zugleich.

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Der wilde Schuttwald…
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…öffnet sich erst auf halber Höhe (mit Rigiblick)…
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… und wird dann zur Tundra mit eindrücklichen Erosionsspuren

Der letzte Viertel des Aufstiegs ist ein einziges Fest für geologisch Interessierte. Lauftechnisch wird es etwas anspruchsvoller, die Hände müssen zweimal zu Hilfe genommen werden. Zwischendurch bewundere ich Bäumchen, deren Stämme in wundersamer Weise einen Weg von unter den Felsbrocken hervor an die Sonne gefunden haben. Dann erreiche ich die Gratkante und damit den einfachen Wanderweg, der von Goldau auf den Gnipen führt, wie das Gipfelchen gleich oberhalb der Bruchkante des Bergsturzes heisst.

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Auf der westlichen Bruchkante, schon wird das Gipfelkreuz des Gnipen sichtbar
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Das Volumen des Abbruchs wird erst von oben richtig erkennbar

Auf dem Gipfel geben informative Schautafeln weitere Auskünfte über das spektakuläre Natureignis. Geläutert von soviel aufgefrischtem Naturkundewissen wandere ich auf dem breiten Gratweg weiter zum schon fast komplett schneefreien Wildspitz. Bald macht sich die Vorfreude auf die gute Küche des mir schon bestens bekannten Gipfelrestaurants bemerkbar. Ich gönne mir den mir empfohlenen Schweinsbraten mit Kartoffelstock, lösche den gehörigen Durst und lehne mich anschliesssend entspannt an die Hüttenwand für einen Powernap.

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Krokusfrühling auf dem Wildspitz mit Blick auf die Schwyzer Zinnsoldaten

 

Der frühlingshafte Abstieg vom Wildspitz nach Sattel ist reines Genusswandern, der Blick auf die Mythen und meine geliebten Schwyzer Zinnsoldaten (Lidernenkette) ist ein Geschenk. Trotz des erstaunlich weit fortgeschrittenen Bergfrühlings habe ich die Leichtsteigeisen eingepackt, denn kurz vor Haslen taucht der Wanderweg in die Nordflanke des Rossbergs und damit in den Winter ein. Tatsächlich ist die Spur über die harten Schneefelder aber gut präpariert und problemlos begehbar. Ob wohl der Wirt der Wildspitz-Beiz das Tannengries auf die Wegspur gestreut hat? Die Eisen bleiben im Rucksack.

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Nach Gnipen und Wildspitz folgen noch zwei weitere Rossberg-Gipfelchen auf dem Weg nach Sattel
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Achtung Winter

Da Stimmung und Wetter gut und die Beine noch kräftig sind, entschliesse ich mich, den Chaiserstock und damit auch die letzte Erhebung der Rossbergkette noch „mitzunehmen“. Ich erhoffe mir ein schönes „Helikopter-Sujet“ vom Ägerisee, das dann allerdings von den vielen Bäumen unterhalb des unscheinbaren Gipfelchens verhindert wird. Da gehe ich also nicht mehr hin – immerhin auch das eine Erkenntnis.

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Querfeldein steige ich ab zum offiziellen Wanderweg und erreiche bald Sattel, von wo mich die Südostbahn in einer Viertelstunde nach Arth-Goldau zurückbringt. Dort lasse ich es mir nicht nehmen, im liebevoll eingerichteten, kleinen Bergsturzmuseum am Eingang des Tierparks die starken Erlebnisse des Tages nochmals Revue passieren zu lassen. Und so kommt am Ende eines schönen Wandertages auch noch der Historiker in mir auf seine Kosten.

Tourdatum: 29. März 2017

Kartenausschnitt Goldauer Bergsturz (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

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