Verliebt in den Wändlispitz 2098m ü. M.

Schneefreie Gipfelrouten über 2000m für schöne Novembertage sind eine rare Spezies. Eine mir bisher unbekannte ist jene zum Fluebrig bzw. seinem Hauptgipfel, der Diethelm. Die Aufstiegsroute vom Wägitalersee kenne ich gut, sie ist steil und bietet schöne See- und Glärnischblicke. Jene vom Ochsenboden ist etwas langweiliger, dafür schneefrei. Aber die eigentliche Motivation ist eine andere: Ich will mich an den Wändlispitz herantasten, für dessen Überschreitung es jetzt allerdings zu spät ist. Ich verliebe mich prompt.

Ich parkiere beim Golfclub Ochsenboden (wie lange geht das noch gratis?) und schnüre meine Bergschuhe fest, während die Pärchen neben mir ihre Golfwägelchen auspacken. Ein freundlicher Schwatz, dann steche ich in den Wald. Es folgt ein langes Teilstück über ein gleichmässig ansteigendes  Kiessträsschen. Wie erwartet etwas öd, aber da ich wie geplant meine Telefonliste abarbeite, spielt das keine Rolle. Meine Schuhe rascheln durch das trockene Laub, hin und wieder erschüttert eine Detonation auf dem Schiessplatz das Tal. Am Talende grüsst die schöne Ostkante des Drusbergs. 400Hm über dem Talgrund wird aus dem Strässchen ein Pfad, ich switche mein iPhone auf Flugmodus und freue mich im doppelten Sinne über die absolute Stille. Es wird steil, die vielen Höhenmeter schwinden rasch. Ich freue mich über die gut geölte Laufmaschine.

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Auf dem Weg zur Tour am Sihlsee. Links im Bild das Fluebrigmassiv mit Diethelm (Mitte) und Wändlispitz (rechts)
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Waldaufstieg mit Blick auf den Druesberg

Das enge Tälchen gibt nicht viel her, aber mit der Höhe kommt schliesslich die Fernsicht. Zuerst der Uri-Rotstock und seine Kumpanen, auf der Alp Obergross (1800m) wird die Sicht frei auf Glärnisch, Bös Fulen, Tödi, und und und. Die Sonne wärmt jetzt schön, die Stimmung steigt – auch die Vorfreude. Ich ahne von den Fotos auf hikr.org, was mich auf der Gratkante bei Punkt 1950 erwartet: Der Woweffekt im Antlitz des Wändlispitzes. Und tatsächlich, die Realität übertrifft meine hohen Erwartungen.

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Punkt 1950 mit Sicht auf die eisige Nordseite des Wändlispitz…
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Da muss man sich verlieben!

Selbstbewusst erhebt sich der Solitär über dem Sihlsee. Wie der trotzige Bug eines Piratenschiffs zieht er die Aufmerksamkeit auf sich. Der viel höhere Diethelm rechts neben mir ist zwar die Kommandobrücke des Fluebrig, aber er verblasst neben dieser Schönheit. Ich verlasse den markierten Pfad und folge dem Gratverlauf zum Punkt 1972 (der beste Ort, um den SE-Grad zu fotografieren), von wo ich zur Scharte des Objektes meiner Begierde hinuntersteige. Mein geübtes Auge hat längst den gefrorenen Schnee und das Eis an den oberen Aufschwüngen gesehen, die ein Besteigen der T6-Route zum Gipfel nicht ratsam erscheinen lassen. Dennoch kann ich nicht umhin, zwei Dutzend Meter zu erklettern. Der warme Fels lädt ein zu mehr, aber ich belasse es bei diesem ersten, scheuen Date. Hoffentlich hat Bergfreund Gabriel im kommenden Sommer Zeit und Lust, den formidablen Zacken gemeinsam mit mir zu überschreiten.

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Der Einstieg zur Kletterei

Zufrieden steige ich zurück zum Punkt 1950 und nehme die letzten Meter zum felsigen Einstieg des Gipfelaufbaus des Diethelms unter die Füsse. Blau-weiss-blaue Markierungen, eine kurze Leiter und Ketten laden nun ein zu etwas mehr Alpinfeeling, wirklich fordernd ist die Besteigung des Diethelms aber nicht (T3 oder T4? Bei Trockenheit eher T3). Umso schöner dann aber das Gipfelerlebnis. Die winterliche Nordseite kontrastiert mit dem schönen Wiesenplätzchen auf der Südseite, wo sich gerade ein Gleitschirmler für den luftigen Abstieg vorbereitet.

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Der Diethelm, den Gipfelaufbau erreicht man über den Grasgrat
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Links herum geht’s zum Gipfelkreuz
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Winterkontraste – und der Glärnisch

Das Panoroma ist eine Wucht. Der wuchtige Alpstein im Nordosten, die eleganten Gipfelchen um den dunkelblauen Wägitalersee und der nahe Glärnisch begeistern. Die Sicht reicht bis weit ins Berner Oberland. Zum Tagträumen regt auch die spätherbstliche Inversionswetterlage an, die den Sockel der Mythen und die Täler der Voralpen mit einer mystischen Feinnebelschicht überzieht. Mit Bewunderung blicke ich auch dem Gleitschirmler nach, der nach dem Start vom Diethelm schnurstracks auf die schattige Nordwand des Wändlispitzes zufliegt.

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Hallo Züri!
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Der Wägitalersee mit seinen stolzen Gipfelchen, allen voran der Zindlenspitz. Dahinter der Alpstein
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Bös Fulen, Tödi, Clariden….
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… und alles andere im Westen…. der Gleitschirm auf dem Weg zum Wändlispitz… die Inversion. Unschlagbar!

Ich bleibe solange sitzen, bis ich zu frösteln beginne. Der Berg gibt mir leise aber unmissverständlich zu verstehen, dass meine Sommersaison zu Ende geht und bald Thermowäsche eingepackt werden muss. So steige ich schliesslich gemütlich über dieselbe Route ab, wobei ich noch lange beim Punkt 1950 stehen bleibe, um meinen neuesten Schwarm nochmals extensiv bewundern zu können. Ich komme wieder!

Tourdatum: 3. November 2017

Kartenausschnitt Diethelm (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt (Schweizmobil)

4 Kommentare

  1. Danke für diesen wunderbaren Bericht. Und für die Gipfelbesteigung nächsten Sommer wünsche ich viel Spass. Schau dir auf jeden Fall die Überschreitung via Leiterli und Schäferweg an. Diese Route ist wirklich spektakulär und der etwas langweilige Aufstieg hört ganz abrupt beim Abzweiger Richtung Untwerwand auf. Ab dort gehts auf spannendem stotzigen Waldweg erst zu einer kleinen Alp und dann auf wilden Wegspuren unter die Felswand zur Leiter. Der Blick, der sich dann nach dem Schäferweg auftut ist fantastisch und nach den Strapazen und dem Thrill 😉 wird man mit einem gemütlichen Restaufstieg zum Gipfelkreuz belohnt. Was dich dann oben erwartet, weisst du ja schon.

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