Rigi North Face

Die Frühlingssonne tut ihr Bestes, aber noch sind die Nordflanken über 2000m weiss. Mann weiss sich zu helfen, und so werden diese Woche zwei Routen auf der Nordseite des Rigi Kulm (1797m) erkundet. Einmal von Goldau entlang der Nordflanke über die Zingelalp und einmal von Immensee über die Arschbaggen am Nordwestgrat. Beide Touren werden vergleichsweise wenig begangen und sind reizvoll.


Rigi North Face I – Die Liebliche

Die erste Tour beginnt an der Talstation des Kräbelbähnchens oberhalb von Goldau. Während sich an diesem Sonntagmorgen bereits eine lange Warteschlange vor der Station gebildet hat und auch die Rigi-Züglein zum Bersten voll sind, bin ich ganz alleine, als ich in den kühlen Wald einbiege. Der Pfad unter der Chräbelwand steigt sanft an, ideal zum Einlaufen. Die Vögel singen fröhlich, und eine Gemsskulptur auf dem Brücklein über die Rigi-Aa bringt mich zum Schmunzeln.

Die Gemse auf dem Brücklein erzählt eine kleine Geschichte

Beim Berggasthaus Dächli sitzen Jasser beim ersten Bier und grüssen freundlich. Ein kurzer Wortwechsel, ein lobender Blick zurück auf den tiefblauen Lauerzersee, dann laufe ich weiter. Etwa auf der 1000Hm-Kurve biegt meine Route von der Hauptwanderachse ab. Es folgt ein ehrlich gesagt etwas eintöniger Teil durch den dichten Wald der Nordflanke, vor allem als der Pfad in ein Kiessträsschen mündet, der bei Blatten sein Ende findet.

Lauerzersee und Mythenregion

Die Laubkulisse lichtet sich und wird von einer steilen Alp abgelöst, die geradezu strotzt von Frühlingsblumen. Die Kühe sind eben noch nicht da … Vor mir zeigen sich die markanten Riginen, die dem Rigi seinen Namen geben. Der oder Die? Die Rigi ist bekanntlich eine Kreatur aus dem 19. Jahrhundert, als findige Marketingleute die Bezeichnung Albrechts von Bonstetten (1479) für den Tourismus wiederbelebten. Der von ihm „Regina Montium“ (Königin der Berge) getaufte Berg ignorierte die Flurbezeichnung für sich abwechselnden Fels- und Grasbänder (Riginen). Die sieht man hier besonders gut:


Die Alp Zingel und die oberste Schicht Riginen unterhalb von Rigi Kulm

Einer 10-jährigen Älplertochter ist das alles egal, als ich den Zingel-Hof passiere. Sie spricht mich an, ob ich eine ihrer geschnitzten Eulen kaufen wolle. Ich will nicht, aber ihre Verkaufsbemühungen müssen belohnt werden. So frage ich nach einem Glas Süssmost und runde den kleinen Obulus dafür grosszügig auf.

Kurz nach Zingel erfolgt die Erklimmung des steilen Schlussstücks des Nordostgrats, der sich als gutmütig und kaum ausgesetzt erweist (T3). Dann stelle ich mich schmunzelnd den Kameras der vielen Asiaten, die mich wie ein Geist aus der Flasche betrachten, als ich von aussen die Abschrankungen der Rigi Kulm-Plattform übersteige.

Lange halte ich den Rummel nicht aus und steige über die Ostflanke zügig zum Klösterli ab, von wo aus das Zügli mich zum Auto zurückbringt..

Viel Zugerseeblick auf der Nordseite des Rigi
Das kurze Gratstück zum Gipfel

Rigi North Face II – Die Arschbaggen

Die zweite Tour beginnt fünf Tage später am Bahnhof Immensee. Wir wollen zuunterst beginnen, da der Wanderweg genau über die Kante des lang auslaufenden Nordwestgrat verläuft. Im Dorf scheint das keinen zu kümmern. Die Route ist schlecht markiert und verläuft am oberen Dorfrand zwischen Bauabschrankungen und im kniehohen Gras. Es wird gebaut: Seeblick und Autobahnlärm – ob das Eine für das Andere wohl genügend kompensiert?

Eine zähe Wolkendecke lässt uns kurz an der Wetterprognose zweifeln. Auch landschaftlich ist dieses erste Teilstück nicht gerade überwältigend. Doch Walter und ich haben viel zu besprechen, die Zeit fliegt vorbei und auf der Seebodenalp wendet sich alles zum Guten: Ein kräftiger Föhnwind zersaust die Wolken, und der Kaffee im Restaurant schmeckt gut.

Letzte Wolkenfetzen auf der Seebodenalp
Da geht’s hoch, links der NW-Grat

Die Route über den Nordwestgrat ist nicht markiert, aber auf hikr.org unzählige Male detailliert beschrieben. Da überall ein Pfad vorhanden ist, ist die Wegfindung nicht schwierig. Nach den Weiden der Seebodenalp tauchen wir in eine steile Waldpassage ein, der uns an den Fuss zweier rund 15 Meter hohen Nagelfluhbuckel bringt: die Arsch- oder Füdlibaggen, je nach Mundart. Über die rechte Bagge hängt ein Stahlseil mit Gummiköpfen herunter, das man gerne zur Hand nimmt um den etwas glitschigen Nagelfluh sicher zu überwinden. Nichts für kleine Kinder und Leute mit Höhenangst, aber sonst problemlos.

Über die Arschbaggen

Nach den schroffen Felsen folgt als Kontrast der Tristenboden, ein liebliche Wiese mit einer schönen Sitzbank. Die fantastische Aussicht auf die Seen und das Mittelland wird vervollständigt mit einer reichen Blumenvielfalt. Eine Triste (Heustock) zeugt davon, dass die Menschenhand dafür sorgt, dass dieses so abgelegene Kleinod eine Wiese bleibt und nicht vergandet.

Der Tristenboden

Wir steigen weiter und nähern uns dem felsigen Gipfelaufbau. Hin und wieder hilft eine Kette über ein kleines Nagelfluhband, manchmal ist der Pfad auch leicht ausgesetzt, aber richtig schwierig wird es nie. Der starke Föhn verstärkt jedoch das Abenteuerfeeling. Dann stossen wir kurz vor dem Gipfel auf den Pfad der Zingelroute (North Face I) und erreichen für unseren Geschmack viel zu früh das belebte Gipfelplateau.

Die Nagelfluhwände steilen immer mehr auf
Im Abstieg vom Kulm der Blick zurück zum Nordwestgrat, zuunterst die Wiese des Tristenbodens

Jetzt folgt die Genusswanderung nach Vitznau, im kühlenden Föhnsturm und mit bester Sicht auf die Alpenkette. Zunächst schlendern wir nach Rigi Staffel, in der Hoffnung auf einen feinen Zmittag. Die Beizli dort machen uns aber nicht an, also weiter nach Rigi First. Dort wird die Bärenstube gerade renoviert und das kleine Chalet Schild ist überfüllt. Etwas ratlos setzen wir uns kurz ins Gras und verzehren die Notvorräte aus dem Rucksack. Dann gwaggeln wir hinunter nach Vitznau, in der Hoffnung auf ein offenes Beizli unterwegs. Der gewählte Abstieg erweist sich bald als eine überraschend lohnende Variante, die wir noch nicht kannten. Nicht zu steil – über diese Rampe fährt auch die Rigibahn – und immer mit wunderbarer Sicht auf den Vierwaldstättersee. Schön und abwechslungsreich bis zuunterst!

Im Abstieg nach Vitznau – einfach grandios!

Als dann auch noch das Oekohotel Gruebisbalm geschlossen ist, bleibt die Hoffnung auf ein Restaurant am See. Da der Abstieg schliesslich im Park des Parkhotels endet, fällt die Entscheidung leicht: Wir setzen uns auf die edle Terrasse am Wasser und lassen uns wunderbare Fischknusperli und ein kühles Bier servieren. So lässt sich’s leben!

Ein würdiger Abschluss im Parkhotel Vitznau

Tourdatum: 2. Juni 2019

Rigi North Face I (Kräbel – Zingel), T3 : Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

Tourdatum: 7. Juni 2019

Rigi North Face II (Arschbaggenroute über NW-Grat), T4, I: Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

Schreibe einen Kommentar