Steinwild am Vanil Noir

Der höchste Fribourger ist Teil eines Dreigestirns, das am besten in einem Rundgang von Westen her überschritten werden kann. Ich nehme heute zwei davon mit, den Vanil Noir und den Vanil d‘Ecri. Der eigentliche Star des Tages ist die alpine Route – der Kraxelgrat über den Tête de l‘Herbette, der filigrane Pas de la Borière und die kettengesicherte Traverse am Vanil Noir. Darüber hinaus begeistern junge, wenig scheue Steinböcke.

Auf dem Parkplatz bei Les Baudes stehen schon viel Autos. Es ist Nationalfeiertag, wen wunderts. Kantonshöhepunkte geniessen gerade an solchen Tagen eine besondere Anziehungskraft.

Les Baudes und Blick zum Vanil Noir (am Nachmittag)

Ich checke Himmel und Wetterradar und freue mich, dass die erste Regenfront mein Tagesziel verschont hat. Die Restwolken schützen effektiv vor der brütenden Sonne im steilen Aufstieg, am Mittag des erwarteten Hitzetags werden sie verschwunden sein. Motiviert nehme ich die Erklimmung der ersten Talstufe unter die Füsse, die mir in kurzer Zeit über Weiden und durch Wald zur Cabane de Bounavau bringt.

Vor der Hütte deutet eine Eisenplastik schon an, dass ich im Land der Steinböcke angekommen bin. „Mal sehen, ob ihr Euch zeigt“, denke ich, als ich die eindrückliche, felsige Westflanke des Vanil Noir betrachte, der das Talende beherrscht.

Vor der Cabane de Bounavau werden Erwartungen aufgebaut…

Im Talkessel Bounavaletta, eine Viertelstunde weiter oberhalb der Hütte, muss die Wahl getroffen werden – links oder rechts herum? Ich entscheide mich für links und steige zum Col de Bounavaletta hoch. Die Blumenpracht um mich herum ist bemerkenswert, dabei war dieser Talkessel vor 15‘000 Jahren einmal die Heimat eines Gletschers, wie eine Infotafel beschreibt.

Auf dem Pass wechselt die Szenerie und der Schwierigkeitsgrad der Route, die nun weiss-blau-weiss markiert ist. Steil windet sich der Pfad entlang des Grats hoch, links und rechts um die grosse Brocken drehend. Hin und wieder werden die Hände gebraucht. Bevor ich in die Traverse der Nordwestflanke einbiege, schaue ich nochmals zurück zu den wohlgeformten Voralpengipfeln rund um die Rochers de Naye, dahinter ist alles im Dunst.

Blick zurück vom Col de Bounavalette – dahinter die Rochers de Naye-Kette

Die Traverse erfordert Aufmerksamkeit, der Pfad ist schmal, ziemlich ausgesetzt und ungesichert. Doch das ist erst der Anfang des Themas. Nichts für Mitmenschen mit Höhenangst und fehlender Trittsicherheit. Auf dem Grat angekommen stehe ich vor der Wahl, den Tête de l’Herbette via dem markierten Pfad zu umgehen, oder ihn gemäss begeisternden hikr-Berichten zu überschreiten. Ich kann nicht widerstehen und entscheide mich für Letzteres. Der Kraxelgrat sieht einfach zum Anbeissen aus. Ich erklimme den bröckeligen Felskopf, der besser hält, als er aussieht und mache dann eine kurze Pause auf dem Gipfelchen.

Auf dem Grat. Der Tête de l‘Herbette /T5 und gut sichtbar der Pfad, der unten durch führt.

Mit Erstaunen stelle ich fest, dass die ganz Ostflanke aus Karstgestein besteht, im Westen war davon nichts zu sehen. Offenbar muss ich meine Geologiekenntnisse vertiefen, um das zu verstehen. Dann steige ich vorsichtig über den nun doch ziemlich ausgesetzten Grat zur ersten Scharte ab und von dort in leichter Kletterei mit gütiger Mithilfe der scharfkantigen Karstfelsen wieder zum Wanderweg hinunter. Man hätte dem Grat auch weiter folgen können, aber ich will nun in dieses zerspaltene Karstgelände hinein.

Die Route steigt durch die Karstfelder hoch, teils steil durch enge Rinnen mit guten Handgriffen. Dann stehe ich über dem Pas de la Borière, einem spektakulären Einschnitt im Grat, der mit Hilfe von Stahlseilen gut zu überwinden ist, aber es braucht etwas Nerven.

Der Pas de la Borière im Rückblick – das Seil weist den Weg

Meine Aufmerksamkeit gilt schon vor der Überschreitung der Spalte einer kleinen Gruppe junger Steinböcke auf der gegenüberliegenden Seite, die mein Gehangel relativ unberührt lässt. Noch halb in der Luft hängend probiere ich das mit dem iPhone festzuhalten. Aber das ist gar nicht nötig, denn wenig später posiert einer der Kleinen willig und fotogen auf einem Steinblock, bevor er sich zum Grasen in die Tiefen der Flanke verabschiedet. Ich grinse, rufe ihm dankend nach und folge dann den letzten Metern des schmalen Grasgrats zum Vanil Noir. Einige Minuten später klopfe ich auf das Metall des Gipfelkreuzes.

Das Panorama ist wunderbar, auch wenn es sehr dunstig ist. Die fernen Alpenkämme sieht man zwar kaum, dafür habe ich die perfekte Vogelperspektive in die umliegende Fribourger Dolomitenlandschaft. Deren kalkige Zacken wecken unzählige schöne Erinnerungen, ich begrüsse sie fast alle einzeln.

Die Fribourger Dolomiten

Der Abstieg durch die 60-Grad-Südflanke zu den Plan des Eaux ist das nächste Abenteuer. Die ersten Meter sind noch einfach, aber dann…. oho. Zum Glück kann ich bald die lange Eisenkette ergreifen, die das Traversieren über Schrofen und Karren massiv entschärft, ungesichert wäre das hier ein NoGo für mich. Aber so macht es Spass, leider erkennt man die Dramaturgie der Ausgesetztheit auf meinem Foto kaum (deshalb hier ein, zwei Links zu Bildern in hikr-Berichten).

Wo ist hier der Pfad?

Kurz vor dem Pass wird es etwas weniger ausgesetzt – und prompt treffe ich wieder auf zwei junge Steinböcke. Da der Grat kaum ein Ausweichen zulässt, lassen sie sich zunächst in Ruhe fotografieren. Doch als ich ihnen zu nahe komme, weichen sie flugs in die Flanke aus. Mir stockt kurz der Atem, „hoffentlich stürzt keiner ab!“. Die beiden spotten sicher über meine Sorge, so geschickt nutzen sie das Gelände aus. Überzeugt Euch selbst:

Gegenseitiges Bestaunen…

Auf dem Pass entscheide ich mich, den viel einfacher zu besteigenden Vanil d’Ecri noch zu besuchen. Es sind nur knappe 150Hm zum Gipfel, und die Sicht auf den eleganten Vanil Noir ist von hier besonders schön. Natürlich kreuzt auch hier wieder ein Steinbock stoisch meinen Weg. Es wird heute sonst fast inflationär mit den Tierchen. Kein Wunder, konnten sie im 19. Jahrhundert so einfach ausgerottet werden!

Der Vanil Noir vom Vanil d’Ecri aus. Schön zu sehen die steile Route in der Flanke rechts vom messerscharfen Grat bis zum Sattel neben dem Gipfel

Der Abstieg vom Pass bzw. der Plan des Eaux in die Bounavelatta ist dann auch nochmals richtig steil und ausgesetzt. Es lohnt sich, gut hinzuschauen, wo man seine Füsse hinstellt. Stolperunfälle scheinen hier keine Seltenheit zu sein, wie Unfallberichte in der Vorbereitung und Gedenksteine am Weg bezeugen. Der Weg zickzackt endlos hinunter – und auch hier treffe ich hinter einem grossen Felsen wieder auf eine Steingeiss mit ihrem Kitz. Sie erschrickt und pfeifft mich warnend an, bevor sich die beiden im tollkühnem Sprung wieder sicheren Abstand verschaffen.

Glückselig vor all dieser Tierfreude mäandre ich weiter den Steilhang hinunter bis ins Blumenmeer der Bounavaletta-Senke. Hier treffe ich bald auf die Schilder, wo die Runde am Morgen begonnen hat.

Eindrücke vom Abstieg…

In der Cabane de Bonauvau halte ich ein und suche den Schatten. Es ist fast unerträglich heiss geworden, und mein Nacken beschwert sich heftig, dass er nicht eingecremt wurde. Es gibt ein Bier und ein mageres Gemüsesüppchen, mehr steht leider nicht auf der Karte. Janu.

Den hungrigen Bauch fülle ich deshalb im Tal in Grandvillard, unter den schattigen Bäumen der Auberge de Vanil Noir. Ich blicke zufrieden zurück zum Namensgeber der Beiz und danke ihm für den hochspannenden Tag.

Tourdatum: 1. August 2020

Interaktiver Kartenabschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

öV leider nur bis Grandvillard. Bis zur Alp Les Baudes (Parkplatz Autos) ca. 90 Min. Laufzeit

Schwierigkeitsgrad: T4, blau-weiss-blau markiert. Sehr ausgesetzt. Variante Traversierung Tête de l`Herbette: weglos/nicht markiert T5

2 Kommentare

  1. Lieber Edwin, hast du dich durch die Sendung “Unsere wilde Schweiz – Das Vanil Noir“ von Anfang Jahr auf SRF1 inspirieren lassen für diese Tour? Sehr schöne Gegend und toller Bericht, danke!

    • Die Sendung hätte ich gerne gesehen, auch um nochmals „eintauchen“ zu können. Leider ist sie nicht mehr online!

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