Schreckhornhütte – quo vadis?

Die alpine Tour zur Schreckhornhütte in Grindelwald ist eine meiner Evergreens. Die umgepflügten Moränen der zerbröselnden Stieregg und die Gletscher-Séracs beim Felsenaufstieg durch das Rote Gufer gehen mir direkt unter die Haut. Doch wie lange gibt es die Hüttentour wohl noch? Die klimabedingte Erosion erschwert den Zustieg jedes Jahr ein bisschen mehr. Geniessen wir es einfach, solange es noch möglich ist!

Das Pfingstegg-Bähnchen verkürzt den langen Aufstieg zur Schreckhornhütte um etwa 300 Höhenmeter. Zudem sind die Angestellten immer einnehmend freundlich und bernisch relaxt. Trotz Maskenpflicht ein guter Beginn.

Der eingeschlagene Pfad in Richtung Bäregg ist zunächst ein Höhenweg entlang des Mettenbergs, der leicht an Höhe verliert, bis er auf den Aufstiegspfad aus dem Tal trifft. Der entspannte Start erlaubt schöne Blicke auf Grindelwald und auf den Mittellegigrat, der den Eiger so schön als Scheibe outet.

Dann beginnt die Steigarbeit, bald biege ich in die obere Etage der Schlucht des Unteren Grindelwaldgletschers ein. Dieser schafft es ja immer wieder in die Medien. Zuletzt 2006 durch einen grossen Felsabbruch am Eiger, der einen gefährlichen Gletscherwassersee entstehen liess. Dieser wurde 2010 durch einen aufwändig erstellte Stollen entschärft.

Seitenblick zur Eigernordwand, der Mittelegigrat in Weiss
Über der Schlucht, in der unteren Mitte der grosse Abbruch, der Zähne zurückliess

Nach einer guten Stunde ist die Bäregg erreicht, für viele Wanderer das Tagesziel. Die Terrasse auf dem Felsvorsprung bietet einen unverschämt schönen Blick auf die Fiescherhörner und ihre Gletscher. Klar, es gibt weniger Eis als früher, aber es macht den Betrachter genauso sprachlos wie vor 50 Jahren, als er erstmals hier war – und der Gletscher sogar noch wuchs.

Da unten waren einmal die Stieregg und neben ihr der Untere Grindelwaldgletscher

Die moderne Bäregghütte gibt es seit 2006. Sie ersetzte das einfache Berghotel auf der Stieregg, das 2005 niedergebrannt wurde, kurz bevor es in die Tiefe gestürzt wäre. Der verschwundene Gletscher hatte der Alp auf der Moräne den Halt genommen. Gleichzeitig rissen und reissen Murgänge, verursacht durch den aufgetauten Permafrost am Ankenbälli, einen immer tieferen Graben in das wehrlose Kies. Früher führte der Wanderweg rot-weiss-rot über grüne Matten zur Bänisegg und zum Roten Gufer. Heute wechselt die Markierung schon auf der Bäregg auf blau-weiss-blau – zurecht. Der tiefe Graben kann heute noch mit vielen zusätzlichen Höhenmetern übergangen werden, aber nicht mehr lange. Mit einer Hängebrücke wird es wohl auch nicht gehen, für das fehlt der feste Fels. Ich bin gespannt, wie das hier in 10 Jahren aussieht.

Der Graben wird tiefer und dessen Umgehung immer beschwerlicher…

Das nächste Wegstück zum Roten Gufer ist dazu vergleichsweise harmlos, es erlaubt ein kurzes Durchatmen und viel Zeit für Blicke in die grossartige Gletscherwelt dieses Tals, unter anderem auch ins Eismeer hinter dem Eiger.
Dann kommt das nächste, neue Hindernis. Vor den „sicheren“ Felsen des Roten Gufers bricht auch hier die Seitenmoräne des vormals stützenden Gletscher zunehmend in sich zusammen. Ein harmloser Bach macht auch hier nach starkem Regen kurzen Prozess mit allem, was nicht hieb- und nagelfest ist. Nämlich alles. Also – wieder 50 Höhenmeter hoch steigen bis zum Punkt, wo der Bach noch kein Graben ist – und danach wieder hinunter.

Schreckhorn und die Gletscherzunge – dazwischen das Rote Gufer. Links davor schwinden die Geröllwände..

Kurz danach beginnt der spektakuläre Kettenweg durch das rote Gufer, eine steile Flanke links der Gletscherzunge, die hier wie ein blauweisser Drachenschwanz hinunterhängt. Mit unzähligen Séracs, die wild, dünn und starr in die Höhe ragen. Ein Fest für’s Auge.
Mit Hilfe von Ketten, Seilen und Leitern hangle ich mich nach oben, zwischendurch bleibe ich immer wieder stehen, um diese skurrilen Eisformen zu betrachten, zu fotografieren oder einfach nur zu bestaunen. Dabei darf der Pfad nie aus den Augen gelassen werden. Er ist zeitweise ziemlich ausgesetzt, und die Passage einer Sturzbachschlucht sogar mit etwas Kraxlerei verbunden. Je mehr Wasser der Bach führt, umso anspruchsvoller wird es. Das merke ich nachmittags im Abstieg.

Impressionen vom Roten Gufer und der Gletscherzunge
Der Blick hinter Eiger und Mönch

Doch dann flacht das Gelände ab, auch der Gletscher legt sich zurück und macht die Sicht frei auf das Finsteraarhorn. Aus dem schmalen Eisfluss wird eine Arena. Bald erblicke ich die Schreckhornhütte, die unter den Wänden ihre Namensgebers ruht. Ein breites Grinsen überzieht meine Mundwinkel – schön um wieder hier zu sein!

Die Eisarena vor der Hütte

Das neue Hüttenteam backt feine Kuchen – sogar Veganes bereichert die Auswahl. Also nehme ich ein Stück, dann noch eines, und einen Hüttenkaffee dazu… fast automatisch ergeben sich gute Gespräche mit den Mitwanderern und Bergsteigern. Die Faszination dieser Gletscherarena verleitet wohl jeden Schweigsamen zum freudigen Austausch mit seinem Umfeld.

Die Schreckhornhütte (2527) und ihr über 1500m höherer Namensgeber (4078)

Nur ein Pärchen ist still. Sie haben sich mit dem anspruchsvollen Aufstieg übernommen und trauen sich nicht mehr hinunter. Nach langem Zögern vertrauen sie sich dem Hüttenwart an, der unverzüglich die Rega informiert. Offensichtlich sind sie nicht die ersten, denen das passiert. Wenig später knattert die rotweisse Maschine heran und holt die beiden ab. Wir schauen ihnen nach, der Pilot macht das zu unserer Freude ziemlich spektakulär (siehe Video unten). Ich hoffe, dass die beiden trotzdem gute Erinnerungen an diesen wunderbaren Ort behalten.

Ich kann mich an diesem Prachtstag kaum lösen von der friedvollen Atmosphäre inmitten der Gletscher und Felsen. Leicht euphorisiert wende ich mich dem Schreckhorn zu und verspreche ihm einen Besuch. Pesche soll es nächstes Jahr schaffen, mich da hochzubringen!

Und ja, der süsse Trost für den unvermeidbaren Abstieg über die gleiche Route ist, dass ich alles Schöne nochmals im Licht des fortgeschrittenen Nachmittags bewundern darf. Das dauert übrigens fast gleich lang wie der Aufstieg.

Tourdatum: 13. September 2020

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

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