Der Gazzirola und das Val Colla

Alpentunnels sei dank ist die öV-Hin- und Rückreise für einen Tagesausflug ins entlegene Val Colla seit 2021 kürzer als die Tour selbst. So entfliehe ich der nasskalten Deutschschweiz und folge heute dem Ruf ins sonnige Tessin. Mein Ziel ist eine Teilumrundung des Tals über den Passo S. Lucio, den Gazzirola und den Monte Bar. Eine perfekte, aussichtsreiche Frühlingstour ohne Wenn und Aber.

Es ist schon ein Luxus, den wir uns leisten. Gleich zwei Buslinien bedienen das Val Colla im Stundentakt. Dies für keine 1’000 Bewohner in den Dutzend an den Hängen klebenden Nestern. Den Wanderern ist es recht, ich erreiche das stille Certara um halb Zehn als einziger Passagier.

Verschlafenes Certara

Mein Weg führt gleich steil durch den Wald hinauf. Wer den Puls tief halten will, nimmt statt der abkürzenden Pfade den Fahrweg, der zum Passo di San Lucio führt, mein erstes Zwischenziel. Je höher ich steige, desto besser überblicke ich die fast vollständig bewaldete Talschaft mit ihren kleinen Siedlungen. Am Horizont des Talausgangs erscheinen vorerst der Monte Tamaro und der Monte Gradiccioli, bald glänzt mir aber auch das Weiss des Monte Rosa Massivs entgegen. Super Fernsicht heute!

Waldiges Val Colla – die Runde wird auf dem gegenüberliegenden Monte Bar enden

Ich passiere einen malerischen Bauernhof mit einem kleinen Weiher und muss dann kurz aufpassen, dass ich in einer Kurve des Strässchens den nicht (mehr) markierten Pfad nicht verpasse, über den ich den Grat erreiche. Es ist die spannendere Variante als der Fahrweg, der entlang des Hangs durch den Wald zum Pass führt. Es sind verwitterte rot-weiss Markierungen vorhanden, verlaufen tut man sich nicht.

Dann kommt der „Wow-Effekt“, als ich bei Pt. 1504 den Gratrücken erreichen. Grenzsteine und Buschwindröschen schmücken die Grenze zu Italien, der ich nun bis zum höchsten Punkt des Tals, dem Gazzirola, folgen werde. Aber zunächst widme ich mich einmal dem vielen Neuen, das ich hier sehe. Da sind im Osten vulkanähnliche Gipfelchen und ein kleiner Spickel des Comersees, im Norden der breite, begraste Gratrücken, hinter dem sich der Alpenkamm erhebt. Im Westen grüssen die schroffen Gipfel des Maggia- und Verzascatals und dahinter die grossen Walliser Brocken. Hinter mir im Süden erstreckt sich ein abwechslungsreicher Grat, der über die zackigen Denti della Vecchia zum Monte Boglia und schliesslich zum Monte Bré oberhalb von Lugano führt. Das muss ich einmal mit Yael und Nik machen, solange sie noch in Lugano studieren!

Vulkane?

Auf dem Passo di S. Lucio mit seiner grossen Kapelle trinke ich, umgeben von Bauarbeitern und Grenzwächtern, einen 1-Euro-Espresso und peile danach den gutmütigen Gratrücken an, der mich in einer guten Stunde mit wechselnden Steigwinkeln auf den Gazzirola führt. Die Aussicht ist fantastisch – aber auch der Wind, der hier bläst, ist heftig.

San Lucio (von Pauline, 8 Tage später)
Gemütliches Gratsurfen über den Passo San Lucio zum Vorgipfel des Gazzirola

Beim Gipfelkreuz ist der höchste Punkt noch nicht erreicht, der Gazzirola ist eher der höchste Punkt eines weitläufiges Plateaus. Aber ein Schöner! Die Weitsicht ins phänomenal für den relativ bescheidenen Aufwand, den man dafür aufwenden muss.

Der mehrhügelige Gazzirolla
Val d’Isone und Lago Maggiore – dahinter die weisse Wucht der Walliser Alpen

Im nun folgenden, längeren (wenigen) Auf und (mehr) Ab zum Monte Bar zieht mich die Tiefsicht nach Isone und zum Lago Maggiore in den Bann. Als aus Isone das giftige Knattern von Sturmgewehrfeuer ertönt, laufen wie ein Film Erinnerungen aus meiner Militärdienstzeit auf dem Monte Ceneri ab. Die Märsche über Gola di Lago, die Fahrstunden mit den Motorfahrern auf den engen Strässchen, das Kanonenschiessen zum Monte Bar, das Wetteifern mit den Grenadieren aus Isone und die Diskussionen von „Tenente Auto“ mit den Tessiner Berufsadjutanten. Schöne Gedanken, die schlechten vergisst man ja schnell. Und jetzt, über 30 Jahre später laufe ich hier freiwillig, entspannt und genüsslich. Ein angenehme Kombination von Nostalgie und Dankbarkeit wärmt meine Seele. Schon sind die letzten Höhenmeter geschafft, und ich stehe auf dem grasigen Monte Bar.

Gratbummeln zum Monte Bar

Der Monte Bar bietet eine geniale Aussicht auf die Seen und Berge rund um Lugano, aber auch die um die Wette blühenden Krokusse und Enziane entgehen meiner Aufmerksamkeit nicht.

Ein schöner Blick auf das Sotto Ceneri

Obwohl Yael mir empfohlen hat, von hier aus weiter dem Grat zu folgen und über Motto della Croce nach Roveredo abzusteigen, wähle ich den Pfad zur topmodernen Capanna-SAC Monte Bar, die ich unbedingt einmal besuchen will. Und Lust auf etwas Warmes habe ich auch, der Wind ist echt kalt heute…

Mehr Hotel als Hütte – die Capanna Monte Bar

Nach einer feinen Minestrone in diesem Bikerparadies steige ich gemütlich nach Corticiasca ab. Auf dem knapp einstündigen Weg begeistert der Blick auf den Luganersee (siehe Titelbild dieses Blogs) immer wieder, aber auch ein frisch aufgeforsteter Birkenwald und ein Nachhaltigkeitsprojekt mit Hochlandrindern sprechen mich an. „Da gaht öppis!“, denke ich mir.

Dieser Birkenwald überrascht und begeistert mich

Unten im Dorf dasselbe Bild wie morgens in Certara – grosse Verlassenheit, kein Lebenszeichen, kein Laden, nichts. Die Leute arbeiten tagsüber in Lugano, wohin mich der Bus nun bald auch wieder bringt.

Verschlafenes Corteciasca

Tourdatum: 17. Mai 2021

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

4 Kommentare

  1. Jetzt haben wir uns aber mega knapp verpasst! Ich war bis Sonntag in Locarno 😳

  2. Lieber Edwin, da wäre ich am liebsten dabei gewesen. Wunderbare Aussicht und Erinnerungen an die OS mit Klettern in den Denti della Vecchia und Uebernachten in der Pairolo-Hütte, Minenwerferschiessen und Feuerlöschen im Gola di Lago und diverse Biketouren im ganzen Tal mit Stossen, Tragen und Stürzen :-). Frohe Pfingsttage!

  3. Val Colla kenne ich wie meine Hosentasche, habe in meine Jugend alle (Familie)-Ferien dort verbracht und musste jeden Hügel hochkraxeln, von Monte Bar bis Denti della Vecchia!

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