Alpinwander-Taufe am Nädliger 2501m ü. Meer

Mein Freund Pascal wollte schon lange mal mit in die Berge – heute ist es soweit. Von Wildhaus über den Nädliger auf den Säntis lautet das Ziel. Die Alpstein-Tour bietet alles, was es braucht, um auf den Geschmack des Alpinwanderns zu kommen.


Wir nehmen in Wildhaus das ultralangsame Gamplüt-Gondeli, um ein paar Höhenmeter zu gewinnen. Zeit spart damit nicht, der Aufstieg durch das schöne Tobel dauert kaum länger. Aber so bleibt das Tages-Soll unter 1500 Höhenmetern. In der Bahn schmunzeln wir über die Werbesprüche: „Garage Koller – einfach toller“; „Gamplüt – für alli Lüt“; „Ecopooler – einfach cooler“. Im Obertoggenburg scheint es nur einen Werbetexter zu geben.

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Die Churfirsten begleiten uns den ganzen Tag

Bei fantastischem Hochsommerwetter mit bester Sicht ziehen wir los. Die Churfirsten recken ihre Köpfe in die Höhe, die Kühe ihre Nasen tief ins frische Gras. Auf der steilen Rampe in Richtung des unteren Schafbodens bestaunen wir den von Hand angelegten Weg, der den Kühen und Ziegen den sicheren Aufstieg in dieses Hochtal erlaubt. Bald lassen wir die Weidelandschaft hinter uns und betreten die alpine Welt am Fuss des Schafbergs. Eine einsame Gämse sitzt auf einem kühlenden Schneefeld. Sie lässt sich von uns nicht aus der Ruhe bringen.

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Da geht’s hoch, rechts durch die Lücke zum Jöchli

Die Wegspuren werden nun weniger deutlich, aber die blassen blau-weissen Markierungen sind eine gute Orientierungshilfe. Leider – oder zum Glück? – wird dieser Pfad seit Jahren nicht mehr unterhalten. Wohl auch wegen der Passage, die nun folgt. Das Gelände wird immer steiler. Ein Stück weit muss instabiles Geröll überwunden werden, was Pascal vor einer ersten Herausforderung stellt. Weiter oben erreichen wir wieder festen Untergrund, der Aufstieg zum Jöchli führt jetzt durch rauhes Karstgelände hoch. Die Hände kommen zum Einsatz, auch das eine neue, mit Respekt und Begeisterung angenommene Erfahrung für meinen topfitten Begleiter.

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Kraxeln über die Karstfelsen bis zum Jöchli
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Der schöne Wildhauser Schafberg, dahinter die Alpenkette mit Tödi

Auf dem grosszügigen Jöchlipass (2335m) offenbart sich uns die ganze Schönheit des Alpsteins: der Säntis mit seinen Krakenarmen, der feingeschichtete Altmann, der elegante Schafberg, weit unten im Tal der hübsche Gräppelensee. Im Süden der ganze Alpenkranz, der sich uns vom Montafon bis ins Berner Oberland wolkenfrei präsentiert, im Norden der Bodensee. Wir pausieren und ziehen prompt zwei Dohlen an, die lauthals nach Food schreien. Mit etwas Bündnerfleisch stellen wir sie ruhig.

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Freier Blick zum Nädliger-Grat und zum Altmann

Nun kommt die Überschreitung des Nädliger, ein anspruchsvoller, nur mässig schweisstreibender Hochgenuss für jeden Alpinwanderer. Zunächst queren wir weitere Karstfelder, mit Tiefblick in das Flistal. Dann folgen die Pfadspuren und Markierungen dem Hang leicht unterhalb des Grats, wo aufgrund der Schneereste immer mal wieder neue Wege gesucht werden müssen. Heikel wird es jedoch nie. Schliesslich erreichen wir den „Gipfel“ des Nädligers mit seinen beiden Steinhaufen, die mit tibetischen Gebetsfahnen geschmückt sind. Auf dem Geröllfeld unter uns entdecken wir mindestens zwei Dutzend sonnenbadende Steinböcke.

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Tiefblick zum Gräppelensee
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Die Schneefelder machen die Passage von einem T4 zu einem T5
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Faszination Gratwandern
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Der Säntis mit drei seiner Krakenarme, zuvorderst der Lisengrat (vom Nädliger gesehen)

Die Wegspuren folgen ab hier direkt dem Gratverlauf, bis wir auf einen gepflegten Wanderweg treffen. Der Abstieg durch die Fliswand zum Rotsteinpass ist das nächste Erlebnis, die Route ist perfekt mit Tritten, Stufen und Stahlseilen ausgebaut und gesichert. Was für ein Luxus!

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Die Fliswand und der Nädligergrat vom Lisengrat gesehen

Im Rotsteinpass-Beizli stärken wir uns mit Rivella und Schorle und nehmen dann den Lisengrat unter die Füsse. Noch fehlen weitere 400 Höhenmeter zum Säntis. Die letzte Stunde vergeht wie im Flug, die Überschreitung des Lisengrats ist ein weiterer Höhepunkt. Der kunstvoll angelegte Weg, der im Bereich der Wisswand etwas Nerven und Vertrauen ins Sicherungsmaterial voraussetzt, geizt nicht mit Reizen. Tiefblicke in die nördlichen Täler zur Meglisalp, zum Marwees und zum Seealpsee erfreuen genauso wie der Rückblick zum Jöchli und zum Nädliger. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man von hier aus gesehen die Fliswand für unpassierbar halten.

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Lisengrat-Eindrücke – unten die Meglisalp, weit hinten der hohe Kasten
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Die Wisswand-Passage
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Bergwegkunst

Kurz vor dem Gipfel picknicken wir, geniessen die Sonne und die Ruhe. Dann überwinden wir die letzten Passagen des Grats und erreichen den Säntis, wo uns die Massen erwarten. Wir stürzen uns gleich in die Bahn und freuen uns nach dem knieschonenden Abstieg auf das kalte Panaché auf der Schwägalp. Und Pascal? Er tritt dem Fanclub bei.

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Geschafft – der Blick zurück vom Säntis zum Jöchli, Nadliger-Grat, Altmann und Lisengrat

Tourdatum: 1. Juli 2015

Kartenausschnitt Nädliger-Säntis (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

 

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