Der Cristallina-Bypass

Die Wanderung von der Alp Pesciüm ob Airolo zum Cristallina-Pass und hinunter nach Robiei im Val Bavona ist ein Schulreise-Klassiker par excellence und entsprechend frequentiert. Wir wählen für die Anreise zu unserem Basòdino-Basislager eine komplexere Variante. Der „Cristallina-Bypass“ führt über drei Pässe. Die Route rockt – im wahrsten Sinne des Wortes!

Die Seilbahn in Airolo füllt sich mit teuren Mountain Bikes und ihren meist jungen Piloten, alle perfekt ausgerüstet. Wanderer sind kaum an Bord, als die Kabine zur Alp Pesciüm hochsteigt. Das Objekt der Begierde scheint ein wilder Downhill-Trail zu sein, der von der Bergstation ins Tal führt. Sekunden nach dem Ausstieg sind die Rider in die Tiefe verschwunden.

Ready for the Ride!

Wir lassen uns indes im Bergrestaurant frische Sandwiches streichen und steigen danach entlang eines Skilifts ins Tälchen hoch, das uns an den Fuss der Poncione di Vespero-Kette führt. Die Route über den Col di Sassi ist weder beschildert noch markiert, erst ab dem Wasserreservoir (ca. 2050m), kurz vor Ende des Alpwegs, helfen blasse rot-weisse Markierungen, den an sich guten Pfad zu finden.

Kurz nach dem Einstieg in die steile Flanke. Unter das Tälchen und die Alp di Pesciüm über Airolo
Ausgesetzt, aber gut passierbar

Die Blumenwiese wird immer steiniger. Am Fuss der felsigen Flanke fragen wir uns, wie da wohl eine Route durchführen soll. Ein kleines, pickelhartes Stück Firn wird gleich zur Schlüsselstelle. Es drängt uns vom Pfad ab und erzwingt für einige Meter den Einsatz der Hände, um über plattige Felsen zu gelangen. Walter versteigt sich prompt etwas, aber bald finden wir den Pfad wieder. Dieser ist ziemlich ausgesetzt, und vor allem im obersten Teil der rund 250 Meter hohen Flanke extrem steil, aber problemlos zu begehen. Bald stehen wir, etwas ausser Atem gekommen, auf dem Grat an die Sonne, während die Wolkenfetzen aufgeregt mit der Kante spielen.

Wolkenspiele, rechts unten der Lago del Sambuco
Lago Naret – viel mehr sieht man leider (noch) nicht

Das Wetter sieht gar nicht gut aus. Gegen Süden drängen dunkle Wolken an die Bergketten. Dort, wo wir hinwollen, scheint es zu regnen. Aber solange bei uns die Sonne scheint ist alles ok, auch wenn wir gerne den Piz Cristallina und vor allem den Basòdino gesehen hätten.

So steigen wir weitgehend weglos mit Hilfe einiger orangen Markierungen, wenigen Steinmännchen und dem GPS zur Alp Garzonera ab. Zu unserer positiven Überraschung ist die von hier geplante Traversierung zum Lago Naret blau-weiss markiert. Das vereinfacht die Wegfindung massiv, und auch die auf der Landeskarte nur schwach eingezeichnete Spuren erweisen sich als Pfad in einem guten Zustand. Das macht die folgende Stunde zu einer Genussstrecke, mit dem kleinen Lago di Forna und seinem Wasserfall als landschaftlicher Höhepunkt.

Der Wasserfall beim Lago di Forna
Gegensteigung vor dem Lago Naret

Auf der Staumauer ist die Zeit für eine ausgedehnte Pause mit Blick auf See und Berge gekommen. Ein Hauch von Zivilisation drängt in diese einsame Region am hintersten Ende des Maggiatals, da der Stausee motorisiert erreicht werden kann. Eine Handvoll Fischer, Autotouristen mit Drang nach Höhe (2300) und Motorradfreaks machen gerne Gebrauch davon, auch wenn die Fahrt von Locarno lange dauert. Wir sind nicht unfroh, denn Walter fühlt sich nicht fit und entscheidet sich, die Tour abzubrechen. Zwei freundliche Tessiner sind bereit, Andrea und ihn mit ins Tal zu nehmen.

Am Lago Naret – das Wetter bessert sich, der Gipfel des Piz Cristallina ziert sich noch

So mache ich mich alleine auf den zweiten Teil der Tour. Das Wetter bessert sich zu meinem Erstaunen rasch, sodass damit keine Risiken mehr verbunden sind. Ich erklimme zunächst den Passo del Sasso Nero und freue mich, dass sich jetzt endlich der Cristallina-Gipfel zeigt. Dann passiere ich surfend den schönen, ziemlich flachen Sasso Nero-Rücken mit seinen Riesenblöcken.

Es folgt die Traverse durch das sehr, sehr steinige Val di Coro. Sie führt zur Flanke des Cima della Donne über dem Bocchetta del Lago di Nero, dem höchsten Punkt des Tages (ca. 2650m). Der Slalom um die Blöcke ist ziemlich zeit- und kräfteraubend und verlangt hohe Aufmerksamkeit. Sogar die Gämsmutter und ihre drei Kids scheinen etwas Mitleid zu bekunden. Sie rennen nicht einmal weg, als ich ihnen begegne.

Auf dem Sasso Nero-Rücken, links hinten die anvisierte Bocchetta di Lago Nero, rechts der endlich freie Cristallina-Gipfel
Sie lassen sich nicht stören
Rechts oben gehts durch die Steinfelder zur Bocchetta (Bildmitte)

Das Kommende entschädigt für alles. Denn jetzt sehe ich ihn endlich: den Basòdino! Und in dem Moment noch fast eindrücklicher: den wunderschönen Lago di Nero. Ein Solitär in einer extrem wilden Gegend.

Ich esse genüsslich einen Riegel und steige anschliessend hochmotiviert ins schöne Tal hinab. Der Himmel wird immer blauer und wirft ein schönes Licht auf die Talarena mit seinen vielfältigen Gipfeln und den vielen (Stau-)Seen.

Lago di Nero
Basòdino
Lago Blanco und die Grenzgipfel zu Italien, links oben die Staumauer des Cavagnöö-Sees

Es dauert zwar noch ein ganzes Stück nach Robiei, aber die Knie machen gut mit, und die Sicht auf den eindrücklichen Basòdino-Gletscher weckt bereits Gelüste für den morgigen Tag.

Kurz vor 18 Uhr, knapp acht Stunden nach dem Wanderbeginn auf der Alp Pesciüm, öffne ich die Türe zum Albergo Robiei mit einem herzhaften „Buona sera a tutti“!

Mein Basislager für morgen

Tourdatum: 24. August 2019

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

1 Kommentar

  1. Pingback: Edwin wandert

Schreibe einen Kommentar