Die Suonen am Simplon

Schlechtes Wetter und fehlende Fernsicht verschieben den Fokus auf das Nahe. Das sind heute von Menschenhand erschaffene Kunstbauten auf dem Höhenweg zwischen Simplonpass und Rosswald: Transportwege für Wasser und Autos. Eine durchaus reizvolle, unterschätzte Wanderung.

Eigentlich wollte ich die heutige Tour ja auslassen. Wir fuhren gestern direkt von Rosswald zum Simplonpass, um heute das Mattwaldhorn zu besteigen. Der Abend bot Gelegenheit, den Pass und seine interessante Geschichte zu erkunden. Dazu gehören der Hospiz, das Hochmoor und das Wahrzeichen, der im Aktivdienst gebaute Adler.

Wehrwillen – der strenge Blick nach Italien (in gelb unser Hotel)

Doch dann lässt ein Schlechtwettereinbruch die geplante Tour nicht zu. Walter nimmt den Bus nach Hause, ich hadere. Was gibt es für Alternativen? Schliesslich entscheide ich mich für den Simplon-Höhenweg (der Name täuscht, es sind 1000Hm im Auf und Ab zu leisten) zurück nach Rosswald. Der ist gut beschildert, die Wanderung muss also nicht vorbereitet werden. Und immerhin schliesse ich damit die geplante Lücke in der Transversale. Ich ziehe mich regenfest an und laufe los.

Die Route verläuft zunächst direkt entlang der Schnellstrasse. Da diese immer noch hauptsächlich auf dem Trassee verläuft, das Napoleon 1805 anlegen liess, gibt es keine Alternative. Die schweren Wohnmobile und Cars spritzen mich nass, ich zögere noch einmal. Doch dann verschwindet die Strasse in einen Tunnel, und die Wanderroute folgt der alten Strasse aussen herum. Es wird still, wunderbar still. Ein abgeschlossener, umfunktionierter Tunnel markiert das bald Ende der Strasse. Ein schmaler Pfad überwindet die Tunnelmauer und die Felsen. Wenig später finde ich mich auf dem Dach der Strassengalerie wieder. Wogend streifen Wolkenschlieren über das grosszügige Bauwerk, zeitweise sehe ich keine 50 Meter weit. Von überall strömt Wasser hinunter, das raffiniert und kunstvoll über die Autoröhre geführt wird. Das ist eindrücklich! Jetzt bin ich voll motiviert – und es regnet nicht mehr.

Nach einem Kilometer öffnet sich die Galerie (bei der Bushaltestelle „Schallbett“) kurz, ich bekomme wieder „echten Boden“ unter den Füssen. Von hier steigt der Wanderweg von der Strasse weg hoch, zunächst an ein paar einsamen Ställen vorbei, dann durch den feuchten Wald. Es riecht wunderbar nach nasser Natur. Gut 300 Höhenmeter sind zu erklimmen, dann erreiche ich die Hochebene über Rothwald, wo die Wolken mit den Heidelbeersträuchern und den Lärchen spielen. Ich halte inne, um meine beschlagene Brille zu putzen und einen Schluck zu trinken.

Der Blick zurück über den langen „Galerienpfad“ zum Simplonpass (rechts aussen)
Mystisch…

Ich sehe zwar nicht viel, aber hier oben gefällt es mir überraschend gut. Mit der grosszügigen Weite hatte ich nicht gerechnet. Die gute Stimmung verleitet zum Singen :-). Den paar Kühen mit ihren Kälbern scheint es nicht zu kümmern.

Im sanften Abstieg erreiche ich die Alp Bärufalle. Jetzt folgt ein etwas ödes Teilstück über ein Alpsträsschen bis zur Abzweigung zur Furggubaumlickä. Der Nebel ist dicht und wird immer feuchter. Ich kompensiere mit Speed. Nach der Überschreitung des Furgguböümbach (was für ein Name!) steigt der Pfad steil an, die Brille läuft wieder an . Danach müssen in kurzer Folge noch mehrere Bäche überschritten werden bis aus dem arg nässenden Nebel die Bortellhütte auftaucht.

Drinnen brennt der Holzofen, ein Jäger und das Hüttenteam begrüssen mich freundlichst. Die nassen Kleider werden über einen Stuhl gehängt, und bald steht ein brutzelnder, riesiger Käseschnitten vor mir. Und das schon um 11.15! – ein kulinarisches Privileg für Schlechtwettertage!

Pünktlich zu Mittag reisst die Wolkendecke auf, und die Tour kann trocken fortgesetzt werden. Es folgt die Überwindung der Schlosswang-Wand über ein kettengesicherte Passage, danach steigt der Pfad durch den „Steinuchäller“ – ein Gewirr von Blöcken und Lärchen – zum Steinubach ab.

Die Schlosswang-„Wand“
Im „Steinuchäller“

Ja, und jetzt kommt das Besondere: Keine Höhenmeter mehr über mehrere Kilometer! Weshalb? Hier beginnt die Welt der Suonen. Die erste ist eine in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts einbetonierte Wasserstrasse, die vom Steinubach gefüttert wird. Der Pfad verläuft direkt über die Suone – zeitweise ziemlich ausgesetzt und an den engsten Stellen mit Ketten gesichert. Das ist echt cool!

Impressionen der Suone

Beim malerischen Weiler Staffel setzte ich mich auf eine Bank. Die Sonne scheint, und ich will jetzt sofort mehr über diese Kanäle wissen. Mein Ipad findet unter anderem www.suone.ch und www.les-bisses-du-valais.ch. Sehr spannend! Was für ein Krampf muss das gewesen sein, um das Leben der Menschen hier oben zu sichern.

Staffel – eines der vielen renovierten Bijous

Ganz beseelt vom Glückstag und den neuen Erkenntnissen bewandere ich das letzte Stück des Tages entlang der „Bärgwasser-Suone“ nach Rosswald. Hier fliesst das Wasser sogar offen. Es sprudelt und gurgelt, mal schneller, mal langsamer, je nach Beschaffenheit des Kanals.

Ist das nicht einfach perfekt zum „Auslaufen“?

Zufrieden ist schiesslich auch Frau Pierig von Restaurant Rosswald, als sie mich zum zweiten Mal innert 24 Stunden begrüssen kann. Das Panaché kommt von selbst und den Aprikosenkuchen suche ich selber aus.

Tourdatum: 10. August 2019

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

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