Von Tenero nach Cardada

Ein prächtiger Tessiner Föhntag im frühen März erlaubt die erste, einfache 1200 Hm-Wanderung der Saison. Sie beginnt in der Magadino-Ebene und führt entlang von Weinbergen und Rustici durch den bewaldeten Südhang des Locarneser Hausbergs zum einem Aussichtsjuwel hoch über dem Lago Maggiore. Eine Genusstour zu dieser Jahreszeit!

Nach meiner persönlichen Jungfernfahrt im neuen Giruno der SBB wechsle ich im Bellinzona auf die S-Bahn nach Tenero. In nur etwas mehr als zwei Stunden bin ich dem kaltnassen Zürich entronnen und strahle angesichts des föhnbedingten Prachtstags. Die Wanderschildchen führen mich durch enge Gässchen den Berg hoch. Über Treppen und steile Pfade erklimme ich rasch die ersten Weinberge und begutachte die hübschen und weniger hübschen Steinhäuschen und Kapellen am Weg.

Moresio

Bald noch mehr Freude macht die Fernsicht, die mit der Höhe kommt. Der frische Schnee der letzten Tage lässt die Gipfel rund um den Ceneri und den Lago Maggiore betörend aussehen. Das grelle Weiss überkompensiert das kahle Grau der entlaubten Kastanienwälder.

Die Grenzberge zwischen Sopra- und Sottoceneri
Tendrasca

Bis etwa 300Hm über dem Talboden sind die steilen Hänge noch dicht überbaut. In Mattarasco tauche ich in stillen Wald ein, jetzt folgen nur noch Rustici, einzeln und in kleinen Siedlungen, die verschlafenen Weiler Tendrasca und Viona gefallen mir besonders gut.

Wie reizvoll, diese Rustici mit Blick auf See und Monte Tamaro
Bedächtiges Steigen durch den winterlichen Laubwald

Ich folge nun den rotweissen Schildern nach Cordonico. Der Pfad wird etwas steiniger und schmaler, steigt aber nur mässig an. Ein angenehmes Laufen, aus dem Maschinenraum schnurrt es zufrieden. Mit der zunehmenden Höhe werden die Blicke auf die umliegenden Berge und den langen, langen Langensee immer eindrücklicher.

Ab der 1000m-Höhenlinie liegt noch etwas frischer Schnee auf dem Pfad. Der warme Föhn macht ihm zwar den Garaus, aber nicht schnell genug. Beim Pausenhalt in Cordonico – eine traumhaft gelegene Siedlung – überlege ich kurz, ob ich das Steigen fortsetzen oder lieber der Höhenlinie folgend nach San Bernardo wandern soll. Die bequemen Trailrunner an meinen Füssen sind wahrlich ungeeignet für langes Schneestapfen.

Pause in Cordonico – mit Sicht auf das Gridone-Massiv

Doch die Lust nach mehr Höhe und mehr Sicht obsiegt, und so schlage ich den steilen Pfad nach Chiodo ein. Mit jedem Dutzend Höhenmeter wächst nun auch die Schneedecke, bald ist der Pfad vollends bedeckt. Aber die Beine sind schön warm, und das soeben verschlungene Fleischkäsesandwich spendet die nötige Energie. In der verlassenen Siedlung Chiodo ist es dann richtig Winter. Romantisch schön! Aber die Füsse werden immer nässer und nässer…

Winteridylle in Chiodo, es muss gespurt werden

Der Weg flacht nun wieder etwas ab, und bald erreiche ich die ersten Häuser von Cardada. Ich staune, was hier oben alles gebaut wurde. „Rustico“ kann man das nicht mehr nennen, es sind viele Neubauten, darunter wahrhaftige Villen. Aber ich verstehe die Besitzer, Cardada ist eine überwältigende Aussichtsplattform. Mehr als 1000 Meter über dem eleganten Fjordsee gelegen, von einem herrlichen Bergpanorama eingerahmt, im Sommer wohl immer mit einem erfrischenden Lüftchen.

A villa with a view….

Die Terrasse des Restaurants bei der Bergstation der Luftseilbahn ist von der Sonne richtig gut aufgewärmt. So ziehe ich gleich die Schuhe und die Socken aus, sie trocknen auf dem glühenden Blech des Fenstersimses schnell. Glück gehabt! Entsprechend extensiv gebe ich mich der Muse des Sonnenbads und eines feinen Lunches hin. In Gedanken plane ich derweilen die Fortsetzung dieser Route im Frühsommer. Von Cardada will ich über den Madone ins Maggiatal wandern. Die stille Vorfreude lässt mich strahlen.

Die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso

Heute bringt mich die Luftseilbahn nach Orsellina hinunter, von wo ich (anstatt die Standseilbahn zu nehmen) durch die enge Schlucht nach Locarno hinuntermäandre. Unübersehbar ist die Wallfahrtskirche auf dem heiligen Berg der Madonna del Sasso, die auf einem spektakulären Felsvorsprung steht. Ein Besuch würde sich sicher lohnen. Ich begnüge mich für heute mit einem Postkarten-Foto.

Beim Bahnhof in Locarno-Muralto drehe ich mich nochmals um, bevor ich in den Zug steige, und danke lautstark für den Föhn und die Sonne: Arrivederci Ticino!

Datum: 6. März 2020

Interaktiver Kartenausschnitt mit Zeit- und Höhenangaben

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