Traumsicht vom Madone 2051m ü.M.

Es ist schon praktisch, dass das Wetter nördlich und südlich der Alpen oft so verschieden ist. Während Frau Holle heute in der Deutschschweiz nochmals die Decke schüttelt, steige ich bei strahlend blauem Himmel hoch über Locarno auf den Madone. Bei phänomenaler Sicht geniesse ich die gleichzeitige Sicht  auf den tiefsten (Lago Maggiore) und den höchsten Punkt der Schweiz (Dufourspitze). Dass das Gelände um mich herum noch winterlich kahl ist, wird dadurch mehr als kompensiert.

Kaum zwei Stunden nachdem ich im winterlichen Zürich in den Zug gestiegen bin, hüpfe ich durch das sonnige Locarno zur Standseilbahn nach Madonna di San Sasso, die mich in wenigen Minuten zur Talstation der Cimetta-Luftseilbahn bringt. Von dort aus schwebe ich innert Minuten zum prächtigen Aussichtspunkt Cardada, hoch über der Magadino-Ebene und dem Lago Maggiore. Ich weiss gerade nicht, was mir besser gefällt: Der gewaltige Blick auf den tiefblauen tiefsten Punkt der Schweiz oder die glasklare Fernsicht zur ewigweissen Viertausenderkette im Westen. Einfach traumhaft.

Die Luftseilbahn führt auf diesen Vorsprung hoch über dem Lago Maggiore

Ich könnte mich mit der alten Sesselbahn (seitwärtssitzend!) bequem noch höher hinaus zur Cimetta tragen lassen, doch bevorzuge ich jetzt das Wandern. Gleichzeitig denke ich gerne zurück an die letzten Tage vor dem Lockdown in 2020, als ich von Tenero durch den Schnee hier hoch watete. Durch lichten Wald mit skurillen Birken erreiche ich die Capanna lo Stallone, wo ein Holzkreuz auf einem Geländevorsprung trohnt und zu einem Tiefblick auf die Magadinoebene einlädt. Auch die gesellige Beiz schreit geradezu nach „bleiben“, doch ich will zuerst noch etwas leisten. „Ci videamo dopo!“ rufe ich deshalb dem Wirt zu und nehme den Aufstieg zur Cimetta unter die Füsse.

Birkenwald .. noch winterlich
Capanna lo Stallone – hier gibt es viel Gutes!

Dort oben, an der Bergstation der Sesselbahn, tummelt sich einiges an Volk, doch schon wenige Minuten später bin ich wieder alleine. Die Scharte „Bassa di Cardada“ begrüsst mich dann mit heftigem Wind – die klare Sicht hat eben auch ihren Preis – der starke Nordföhn auf 1600m ist eisig. Doch das dauert nur kurz, denn nun steigt der Pfad im Windschatten des Südhangs schnell zur Cima della Trosa hoch. Und dieser Dauerblick auf das Maggiatal und das Centovalli und die dahinterliegenden Walliser Viertausender ist schlicht überwältigend.

Von Monte Rosa über Weissmies bis zur Mischabel-Gruppe

Bald stehe ich ziemlich euphorisiert auf dem Gipfel des Cima della Trosa – und kämpfe wieder mit dem Wind, bzw. muss rasch die Kapuze meiner Softshell-Jacke über den Kopf ziehen. Lange will ich da also nicht bleiben und spähe deshalb schon rasch zum Tagesziel hinüber, dem Madone. Ich habe die Wahl zwischen einem (längeren) Zickzack-Wanderweg und einer blaumarkierten, direkten Gratroute um zur nächsten Scharte abzusteigen. Dank meiner Spikes kann ich die Gratroute angehen. Die Nordseite weist zwar noch einiges ans Schnee- bzw. Firnresten auf, doch mit den Zacken und der nötigen Vorsicht bildet das kein Problem.

Cima della Trosa
Die Beschriftung des Gratpfads war mal orange gepunktet, ist heute aber offiziell blau-weiss.

Es folgt der nächste Aufstieg, der technisch schon etwas anspruchsvoller ist als der letzte. Es gibt ein paar kettengesicherte Stellen, die eine Trailrunnerin in ihren Turnschuhen verunsichern. Sie fragt, ob sie sich mir anschliessen kann – hinauf und vor allem wieder hinunter. Ich schmunzle und sage zu, bedinge mir aber das eigene Tempo aus, was sie dankbar annimmt. So erreichen wir zusammen die Krete, passieren ein kleines Schneefeld und erreichen über eine leicht ausgesetzte Felsenpartie den Gipfel. Im Sommer ist das alles harmlos, im April ist da schon etwas Vorsicht geboten.

Im Aufstieg zum Madone
Der Blick nach Westen – makellos…

Einmal auf dem Gipfelplateau angekommen ist meine Begleiterin ganz entspannt. Sie getraue sich nun auch alleine hinunter, was sie angesichts ihrer leichten Bekleidung und des schneidenden Windes auch nach zwei Minuten tut. Ich hingegen lehne mich an das Gipfelkreuz, danke Mammut und Arcterix für die wetterfeste Kleidung und beisse in mein Sandwich. Langsam kauend probiere ich jeden einzelnen Gipfel im 360 Grad-Modus zu identifizieren. Ein Ding der Unmöglichkeit, aber spannend. Ich mache ein Panoramo-Video, um es zuhause nochmals tun zu können. Dann trage ich mich über den QR-Code ins elektronische Gipfelbuch (gipfelbuch.ch) ein und breche auf für den Abstieg.

… und nach Norden zu den Gipfeln ennet des Verzascatals

 

Für den Rückweg wähle ich – einmal zurück in der Scharte – den Abstieg ins Verzasca-Tal. Allerdings nur bis zur Alpe di Bietri, von wo aus ein Pfad abzweigt, der im leichten Auf und Ab der Höhelinie folgend zur Capanna lo Stallano zurückführt. Hier ist es sehr sehr ruhig, auch die Blicke ins Tal sind schön. Der Pfad ist anspruchsvoll angelegt, ich frage mich immer wieder, wer sich da die grosse Mühe gemacht hat. Der Dank gebührt wohl den Bauern, die ihre Tiere sicher auf die Alp führen wollen.

Der Höhenweg ist schmal und reizvoll
… und zuweilen kunstvoll angelegt

Der Pfad zieht sich, aber nach einem kurzen, giftigen Gegenanstieg stehe ich wieder vor der Capanna und lasse mich nun das am Morgen gesichtete Stück Kuchen servieren. Das offerierte Glas Merlot muss ich leider ausschlagen, denn bald ruft die Bahn ins Tal – bzw. die Rückreise in die Deutschschweiz. So jogge ich die letzte Viertelstunde nach Cardada hinunter und springe „last minute“ in die grosse Gondel.

… und schon geht es wieder runter nach Locarno. Ein schöner Blick auf das Maggia-Delta inklusive

Dies mit einem breiten Grinsen voller Dankbarkeit im Gesicht – das noch grösser wird, als ich zwei Stunden später am Nordportal des Gotthards den frischgefallenen Schnee wieder sehe.

Tourdatum: 14. April 2023

Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben 

Kartenausschnitt Madone

6 Kommentare

  1. Habe die Wanderung von Tenero über die Monti di Lego nach Cardada vor zwei Wochen gemacht! Danke für die Tour Edwin!!!!

  2. Hoi Edwin,
    danke für den genialen Eintrag. Hast du bei der Capanna Stallone die feine Polenta mit Corgonzola verpasst?
    Der Kuckuck ist manchmal auch unterwegs und für den blühenden Ginster ist es vielleicht noch zu früh.
    Eine schöne Sommersaison, etwas besser als der spärliche Winter wünscht Hugo

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