Über die Dächer des Zürcher Oberlands

Die reizvolle Tour im Januar von Steg zum Ricken weckte Lust auf mehr Gipfelhüpfen im Zürcher Oberland. So setze ich die Route in die andere Richtung fort, bzw. knüpfe an ihr an. Heute von Turbenthal über den Schauenberg zum Bichelsee und weiter über Sitzberg und das Hörnli nach Steg. Eine abwechslungsreiche Wanderung entlang der hochgelegenen Zürcher Ostgrenze.

Der P&R beim Bahnhof Turbenthal ist leer. Nicht einmal der Parkautomat will gefüttert werden. Es ist still in der Schweiz an diesem ersten April, sehr still. Über die Kante des Girenbaderholzes steige ich zügig hinauf nach Girenbad. Im Wald signalisieren die Buschwindröschen und die Leberblümchen das Frühlingserwachen, die wärmende Sonne lässt den Boden fein duften. Die Äste zeigen hingegen erst einen Hauch von Knospen. Eine hoffnungsvolle Jahreszeit.


Girenbad und die Sicht über das Tösstal in die Alpen

Bald passiere ich den Weiler Girenbad mit seiner bekannten Ausflugsbeiz, habe aber mehr Auge für das, was die Ferne bietet: einen umwerfenden Blick auf die Alpenkette! In Schwändi passiere ich einen dieser einsam gelegenen Bauernhöfe mit weidenden Pferden, durchschreite die kühle Nordseite des Schauenbergholzes und stehe wenig später vor dem kecken Schauenberg mit seiner restaurierten Burgruine. Was für ein wunderbarer Aussichtspunkt – auch wenn die Bise hier etwas wütet, die mich meine Softshelljacke fest dichtzurren lässt. Und ja – letztmals war ich hier als 12-Jähriger, mit Jugendfreund Heinz und Hans. Heinz mit einer Binde um den gebrochenen Arm – an was für Details man sich doch erinnert!

Hier steht die Burg noch…
… aber auf dem Schauenberg nicht mehr

Über die Südkante und einen Mix von Fahrsträsschen und Abkürzungen über Wiesen steige ich entlang reizvoller Weiler wie Hüttstatt, Tiefenstein und Buchenhof (noch nie gehört, oder…?) nach Seelmatten ab. Das liegt am Bichelsee, nahe der Grenze zum Thurgau. Das Tälchen ist ein wundersam tiefer Zwischenausstieg aus dem engen Tösstal.

Bichselsee

Jetzt wird der Tourverlauf etwas sportlicher – in einem vergleichsweise steilen Steigwinkel führt ein schmaler Pfad über die noch leicht schneebedeckte Siggenbühlkante auf das „Chabishaupt“. Was für ein Name: halb Schwyzertüütsch – halb Hochdeutsch! However, die kurze Passage zu seiner Überquerung darf sogar als leicht ausgesetzt bezeichnet werden, mit den vorhandenen Schneeresten und den rutschigen Böden ist Trittsicherheit gefragt. Doch schon bald wird der Gratrücken wieder lieblicher, die Pfade breiter und das nun folgende Höhensurfen bis Sitzberg zum vollen Genuss. Die Unterschiede von Sonnen- und Schattenseite sind frappant: Pulverschnee und Gänseblümchen wechseln sich munter ab.

Sitzberg (mit öV erreichbar) scheint der perfekte Ort für die Picknickpause, das Bänklein vor der Dorfkirche bietet sich dafür an (Post-Corona: Der schöne „Sternen“ nebenan). Doch die Bise lässt es nicht zu, schade. Die Fortsetzung der Wanderung erfolgt nun während fast 90 Minuten auf einer mehrheitlich asphaltierten Strasse, die dem sehr schönen Gratverlauf auf Thurgauer-Boden folgt. Sie ist zwar wenig befahren, aber es bleibt Asphalt. Immerhin lässt sich so die grandiose Aussicht problemlos geniessen. Toggenburg – Säntis – Alpenkette – Tösstal… hochattraktiv! Dazu sorgen skurrile, winderprobte Bäume und schöne Bauernhöfe für viel Abwechslung auf dem Weg nach Allenwinden.

Das winzige Sitzberg mit seiner markanten Kirche

Bei Allenwinden erhebt sich ein etwa dreissig Meter hoher Grasgupf über dem Grat, der geradezu nach einem kurzen, weglosen Ausflug schreit. Der „Alenwindebööle“ ist geschmückt mit einem Baum, einem grossen Stein und einem Bänklein (siehe Titelfoto dieses Beitrags). Ich sauge hier ein paar unvergessliche Momente auf – mit der Sonne im Gesicht, dem Säntis vor den Augen und Glücksgefühlen im Innern.


Der Säntis von „Alenwindebööle“ gesehen

Wieder unten werden ein paar freundliche Worte mit einem herzlichen Bauer und seinem spielenden Sohn gewechselt. Beim Weglaufen grinse ich über den Wegweiser „zum Trutenparadies“ am Bauernhaus. Ob die Viecher das auch so sehen?

Dann folgen mit der Besteigung des Hörnlis die letzten Höhenmeter des Tages. Seine Nordseite ist noch ziemlich winterlich, aber der Schnee inzwischen angetaut und gut begehbar. Ein kurzes Stück Weg liegt hier genau auf der Grenze von Zürich und St. Gallen – das habe ich aber zuerst zuhause beim Kartenstudium bemerkt. Wenig später stehe ich auf dem grünen Gipfelgrat mit seinem eindrücklichen Sendeturm und der fantastischen Aussicht – diesen Winter schon zum dritten Mal.

Die winterliche Nordseite des Hörnlis

Ganz alleine bin ich allerdings nicht mehr. Sogar ein Velo-Easyrider hat sein besonderes Gefährt über das Fahrsträsschen hier hochgelotst. Auf der Terrasse der Beiz flattern BAG-Abschrankungen im Wind. Sie halten die Wanderer aber nicht wirklich vom Benutzen der Tische ab. Aber es sind ja auch nicht viele.

Easyrider auf dem Hörnli
Hoffentlich bald wieder frei für alle!

Nach einer wunderbaren letzten Rast – mit dem Rücken gegen die sonnengewärmte und windgeschützte Holzwand der Beiz gelehnt – nehme ich den gut halbstündigen, direkten Abstieg nach Steg unter die Füsse. Mit einer nahezu leeren S-Bahn fahre ich nach Turbenthal zurück. Dort rundet ein feines Mokkaglacé vom Bahnhofskiosk den schönen Tag genussvoll ab.

Tourdatum: 1. April 2020

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

1 Kommentar

  1. sehr schön! warum denn in die ferne schweifen…. motto nicht nur zu coronazeiten, wo die flugzeuge fast alle am boden parken und keinen lärm, keine luftverschmutzung machen….

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