Vom Bodensee ins Ausserrhodische

Für die Nichtschweizer-Leser mag dies ein eigenartiger Titel sein. Ortskundige wissen, dass hier die Nationale Route 3, der Alpenpanoramaweg, beginnt. Ich nehme ihn mir dieses Jahr vor, um die Wartezeit auf die Sommersaison in den Alpen zu überbrücken. Ein kurzweiliges Hügelhüpfen mit viel Weitblick und historischen Leckereien.

Der Bahnhof Rorschach liegt ziemlich verloren am Bodenseeufer, leicht ausserhalb des kleinen Städtchens. Er scheint einzig und alleine für den modernistischen Prunkbau eines globalen Schraubenkonzerns gebaut zu sein. Es ist still, der Himmel leicht milchig, die Wiesen noch blass, an den Hängen liegen die Resten des frischen Frühlingsschnees dieser Woche.

Am Bahnhof Rorschach beginnt die Alpenpanorama-Route 3

Die Routenfindung ist einfach – nur den Täfelchen mit der grünen „3“ folgen! Mal schauen ob das gut geht, der Orientierungsläufer in meiner DNA zweifelt. Die Route quert ein Wohnquartier, darin eingebettet das kleine Schlösschen Wiggen. Oberhalb der Autobahn wird es grüner, bald passiere ich schon das zweite, grössere Schloss Wartensee mit eigenem Weiher. Der aussichtsreiche Rorschacherberg beheimatet insgesamt vier solche Zeitzeugen des Mittelalters.

Mein Pfad führt nun durch den Wald zum ersten Weiler des Appenzeller Vorderlandes mit dem sinnigen Namen „Wienacht“.

Interessierte Zuschauer
Blick von Wienacht nach Heiden

Hier drehe ich um eine Kante in die nächste Geländekammer und erblicke auf dem nächsten Hügelzug die ersten Gebäude der Gemeinde Heiden, die dort stolz 400 Meter über dem Bodensee thront. Heiden ist nicht nur ein bekannter Kurort, sondern seit dem 19. Jahrhundert auch DAS pittoreske Biedermeier-Städtchen der Schweiz. Zu verdanken ist dies einem verheerenden Ereignis. Am 7. September 1838 wurde Heiden nämlich bei einem Dorfbrand fast vollständig eingeäschert. Lediglich ein einziges Haus blieb verschont. Nur zwei Jahre später standen bereits wieder 58 Häuser, erbaut in der klassizistischen Architektur der Biedermeier-Zeit. Also: langfristiges Glück nach kurzfristigem Pech – der Kurverein weiss es zu schätzen. „Im Glück“ heisst denn auch eine adrette Café- und Apérobar, wo ich ein feines Sandwich erstehe.

Vom Kaienspitz – Blick zurück nach Heiden

Mein Weg steigt nur weiter zum Kaienspitz in Richtung Rehetobel. Bald wird aus Schneeresten eine geschlossene Decke, zum Glück nicht zu tief und mit guten Spuren, denn meine Trailrunner sind nicht lange wasserfest. Bei einem Biobauernhof verweile ich kurz, um schmunzelnd die wolligen Schweine und die aufgeregten Hühner zu beobachten. Dabei werfe ich nochmals einen Blick zurück auf den Bodensee, die deltaförmigen Ausläufer des Rheintals und die dahinterliegenden Vorarlberger Gipfel. Dann stapfe ich weiter durch das Weiss in den Gipfelwald und freue mich auf das Kommende – denn auf dem nahenden Kaienspitz (1121m) beginnt das, was meiner Route den Namen gibt: Das Alpenpanorama.

Der Säntis und die Eierschachtel

Der Kaienspitz hält, was ich mir von ihm erhofft habe: Zuallererst der Blick auf den unangefochtenen König der Appenzeller – den mächtigen Säntis. Davor die grosse Eierschachtel: Die unzähligen Hügelchen und Tälchen der beiden Halbkantone, überzogen mit Wiesen und Wald, malerischen Höfen und selbstbewussten Dörfern. Und im Rücken die „tiefen Lande“ des Sanktgallischen und des Thurgaus. Ich erinnere mich an die Appenzellerkriege bei Vögelinsegg und Gais, über die ich als Student einst forschte. Es war für das ortskundige Bauernvolk nicht allzu schwierig, in dieser Landschaft den berittenen Unterländern den Zugang zu verwehren.

Typische Bauernhäuser…
… und die typische Siedlungsweise in Rehetobel

Ich surfe nun durch den Schnee zum Strässchen hinunter, das mich über den Gupf nach Rehetobel führt. Die Architektur ist auffällig, die vielen stattlichen Einzelhäuser. Nahe aneinander gebaut, aber jeder für sich. Von Rehetobel führt der Pfad über Weiden hinunter und schliesslich durch wildes Gelände tief ins Tobel der Goldach. Das „Chastenloch“ liegt 400 Höhenmeter unter dem Kaienspitz – und nach der Brücke steigt der Weg gleich steil wieder nach Trogen hinauf. Das bringt einen ziemlich ins Schnaufen, das schnelle Umsteigen von Vollbremsen auf Fersen- und Oberschenkelbelastung fordert seinen Tribut. Doch bald grüsst der prunkvolle Honnerlag’sche Doppelpalast am Eingang der edlen Gemeinde Trogen.

Im Chastenloch

Es ist ausgestorben auf dem Landsgemeindeplatz mit seinen Prunkbauten. Eindrücklich, was hier an Architektur geschaffen wurde. Die Stickereien und Webereien aus den fleissigen Händen der Heimarbeiter*innen haben zwischen dem 16. Jahrhundert und der industriellen Revolution viel Wohlstand in die Region gebracht, die gerne zur Schau gestellt wurde. Beim schön renovierten Wäschehäuschen trinke ich etwas und lese die Geschichte der Zellweger-Familie auf dem iPad nach.

Edle Häuser…
… auf dem seit 1997 nicht mehr benutzten Landsgemeindeplatz

Dann wandere ich im – wieder angenehmeren – Steigmodus weiter. Es fehlen nur gerade 250 Höhenmeter zwischen Trogen und der hohen Buche (1144), dem höchsten Punkt des nächsten Hügelrückens, den es zu überschreiten gilt. Wieder etwas Schnee, aber harmlos. Nahe der geschlossenen, kleinen Wanderbeiz steht eine schöne Bank, auf der sich das etwas nähergerückte Alpenpanorama beim mitgebrachten Picknick wunderbar geniessen lässt.

Hohe Buche I
Hohe Buche II

Schiesslich schlendere ich über die ausladenden Wiesen entlang der Gratkante hinunter zur Wisegg, von wo aus der Pfad durch den Wald zum bedächtigen Bühler absteigt. Dort überlege ich mir kurz, ob ich den dritten Hügelzug noch unter die Füsse nehmen soll, der nach Appenzell führt. Aber nein, das spare ich mir auf für „nach dem Schnee“ im Mai, wenn es auch hier etwas mehr Frühling geworden ist. Das will ich mir nicht entgehen lassen.

Etappenziel Bühler

Tourdatum: 9. April 2021

Interaktiver Kartenauschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

Zur nächsten Etappe

8 Kommentare

  1. In Appenzell kommt immer wieder ein neuer Hügel. Das gibt Höhenmeter!
    Ich wünsche eine gute Wandersaison.

  2. Lieber Edwin
    hier hatte ich mich in den Jahren 1962 bis 1970 ausgiebig und gerne bewegt. Im vergangenen Winter als Erinnerung von Gais nach St. Anton gewandert, ohne Schneeschuhe aber bei Schnee.
    Kleiner Typo aber doch so, dass man als quasi Iheimischä nöd dross chonnt; ich bin in St. Gallen-Bruggen aufgewachsen:
    Hohe Buche, nöd Hohe Buech. Hg Hansjörg

  3. Klingt nach einem schönen Start in die Wandersaison… Melde Dich, wenn Du mal in unsere Nähe kommst!

  4. so schön beschrieben,macht einem gerade gluschtig!E gueti Wandersaison und ich freue mich auf die weiteren Beiträge!

  5. Lustig… da bin ich vor zwei Wochen fast die gleiche Tour gelaufen. Ich war auf der Route 22 von Rheineck nach Heiden unterwegs. Der Abschnitt über den Kaienspitz bis Trogen verläuft hier wohl auf der gleichen Strecke. Ich war begeistert und werde am Sonntag den Rest der Route von Heiden nach Degersheim in Angriff nehmen und freue mich unglaublich drauf.

    Liebe Grüsse
    Pierre aka pierregehtraus.ch 😉

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