Die neue Via Alta Crio im Tessin begeistert mich. Schon letztes Jahr waren die 5. und 6. Etappe Saison-Highlights. Die Hochroute in der einsamen Wildnis rund um das Rheinwaldhorn ist ein Traum für Alpinwanderer: Aussicht, Abwechslung, Spektakel, Kraxelpartien. Grossartig! Heute Nachmittag steige ich von Fontané im Val Malvaglia zum Bivacco Piano della Parete hoch, um morgen die nächsten Dreitausender der Route erklimmen zu können.
Es gibt Täler, die man nicht zufällig betritt. Das Val Malvaglia gehört dazu. Wer von Biasca her ins Bleniotal fährt, sieht beim Dorf Malvaglia gegen Osten nur eine enge, schattige Schlucht. Dass sich dahinter eines der längsten und wildesten Seitentäler des Tessins öffnet, ahnt man kaum. Das Tal selbst war über Jahrhunderte bewohnt. Heute sind Dandrio, Fontané und die anderen Weiler vor allem Sommerdörfer für Naturliebhaber: Steinhäuser, Kastanien und das Rauschen des Orino.
Die Via Alta Crio und ihr «fehlendes Puzzleteil»
2024 wurde mit der Via Alta Crio die dritte grosse Tessiner Höhenroute eröffnet, nach der Via Alta Vallemaggia und der Via Alta Idra. Sie führt über knapp 100 km von Lumino bis zum Lukmanierpass, in zehn Etappen mit rund 10’000 Höhenmetern. Der Name ist doppeldeutig: Er soll an die Gletscher entlang der Route und zugleich an den Titanen Krios aus der griechischen Mythologie erinnern.
Das Problem der Routenplaner lag zwischen dem Rifugio Giümela im Val Pontirone und der Capanna Quarnei zuhinterst im Val Malvaglia. Diese Strecke misst 24 km mit 3000 Metern Höhendifferenz und benötigte zwingend einen Schutz- und Ruheplatz irgendwo hoch oben in der Mitte. Die Lösung: ein neues Biwak auf dem Piano della Parete. Ohne dieses gäbe es die Via Alta Crio nicht. Das ist nicht ganz unumstritten, mehr dazu am Schluss dieses Beitrags.

Mein Tagesziel – ein futuristisches Biwak
Von Fontanè zum Piano della Parete
Letztes Jahr bin ich mit Yael von Malvaglia mit der Seilbahn nach Dègro hochgefahren und von dort gut zwei Stunden durchs Tal traversiert, um an den Ausgangspunkt der fünften Etappe der Via Alta Crio zu gelangen. Heute fahre ich mit dem Auto über das schmale Strässchen (gebührenpflichtig) nach Fontané. Schon der Anblick der verstreuten Weiler erwärmt mein Herz. Mit viel Liebe zum Detail sind hier aus den Ruinen des 19. Jahrhunderts sorgfältig renovierte Kleinode entstanden. In Dandrio gibt es mit dem Ristoro Alpino La Fürbeda sogar ein Minihotel.

Fontanè
Vor der Brücke des Weilers zweigt der Pfad ab; eine auf einen Felsblock gemalte rote Pfeilmarkierung mit gelber Aufschrift «Piotta» weist via Soregn den Weg zur Alpe di Piotta. Zunächst geht es über steile Wiesen, dann durch den kühlenden, wohlriechenden Wald. Ein schöner Weg, etwa T3.

Blick zurück ins Val Malvaglia mit den kleinen Weilern

Der Talkessel mit Vogelberg, Rheinquellhorn und Puntone dei Fracion

Alpe di Piotta
Langsam drehe ich so in den Talkessel ein, der meine nächsten 24 Stunden beherrschen wird. Ab der Alpe di Piotta (gut 2050 m) wird das Wandern anspruchsvoller, die Markierung wechselt zu weiss-blau. Am Ende der schmucken Alphütten führt der Pfad auf die Gratkante. Und dieser ist spektakulär! Im Westen liegen Dandrio und Fontané direkt unter mir, aber schon über 1000 m tiefer! Gegen Osten studiere ich immer wieder die lange Kette der Dreitausender, die den Kessel umrahmen und auf meinen Besuch warten.
Zutiefst beeindruckt vom Gelände und der Umgebung folge ich dem Grat konsequent bis zur Tane Russéi auf 2700 m, einer «Wiese» mitten in der Steinwüste. Prompt begrüssen mich dort ein paar Schafe. Ob sie wohl die traumhafte Sicht auf die Walliser und Berner Granden im frühen Abendlicht ebenso geniessen wie ich? Gleichzeitig bin ich froh, dass sie nicht von einem Herdenschutzhund begleitet werden. Solche gibt es hier durchaus, denn auch im Val Malvaglia lebt ein Wolfsrudel.

Der Gratweg über dem Abgrund…

Der lange Gratweg … von grün und rot bis steinig

Ohne Worte
Wenig später stehe ich an einer Felskluft über einem Abgrund, die den Blick sowohl auf den spektakulären Ri della Fürbeda (Wasserfälle über 1500 m) als auch auf das rote Biwak auf dem Piano della Parete freigibt. Auch ein Adler (oder Bartgeier?) kreist hier seine Runden – wow!

Das Biwak in Sichtweite
Das Biwak ist jetzt zwar schon auf Augenhöhe, doch zunächst muss ich noch weiter hinauf. Die Route wird nun giftig steil und führt nochmals 150 Höhenmeter hoch zu einem Durchgang durch das Felsband. Alles, was ich jetzt noch hochlaufe, muss ich später auch wieder runter… Doch bald stehe ich auf der Anta della Parete (rund 2830 m), dem höchsten Punkt des Tages. Jetzt nur noch die steile Grasflanke hinunter auf die Hochebene!

Piano della Parete – eine weite Ebene über dem Abgrund
Der rote Kristall in der Steinwüste
Das Biwak am Rand der Ebene kurz vor dem Abgrund ist eine Augenweide: eine siebeneckige Form mit einer Hülle aus Aluminiumplatten, die nicht nur aus ästhetischen Gründen gewählt wurden, sondern auch gegen Schneeablagerungen helfen sollen (lese ich später nach …). Innen ist es gemütlich und schlicht: keine Heizung, kein fliessendes Wasser, ein Wohn- und ein Schlafraum, eine kleine Photovoltaikanlage für Licht und USB-Ladestation, ein einfacher Gasherd und eine Toilette mit Zugang nur von aussen (man weiss, warum …). Die Hütte bietet zehn Schlafplätze, wir sind heute zu sechst. Neben dem Biwak steht ein edler Holzbrunnen, vermutlich der höchstgelegene im Tessin, gespeist von einer Permafrostquelle.

Oder ist das die Arche Noah?
Das Fenster ins Paradies
Die zusammengewürfelte Gästeschar plaudert und kocht, die einen Spaghetti, die anderen Risotto, ich wärme meine Tortellini Cinque Pi. Sehr fein nach dem langen, steilen Aufstieg! Aber der Dessert ist für alle gleich: ein fantastisches Abendrot über den Walliser und Berner Alpen, das ich nie mehr vergessen werde!


Finsteraarhorn und Konsorten im Abendrot …
Tourdatum: 21. September 2026
Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben
Nachtrag: Warum das Ganze etwas umstritten ist
Man kann dieses Biwak schön finden, und ich tue das. Aber es wirft Fragen auf, die man als Wanderer nicht einfach wegwischen sollte. Wie viel Infrastruktur verträgt die letzte Wildnis im Tessin?
Bemerkenswert finde ich, dass der Verein Via Alta Crio diese Debatte in einem eigenen Beitrag zur Ethik der Route offen anspricht. Die Initianten schreiben, der Bau des Biwaks habe die Diskussion noch vertieft, und räumen ein, dass der Verlust an Wildnis immer schmerze.
Ehrlicherweise muss man sagen: Laute öffentliche Opposition habe ich bei meiner Recherche kaum gefunden; der Verein schreibt selbst, man habe keine deutlichen Gegenstimmen wahrgenommen. Die Kontroverse spielt sich eher leise ab, am Hüttentisch und in Wanderforen.
Das Piano della Parete war früher ein Ort, den man sich verdienen musste, ohne rote Kiste am Horizont. Vielleicht ist genau das die Frage, die jede und jeder für sich selbst beantworten muss, am besten dort oben, am höchsten Brunnen des Tessins.
Ursula says:
wouw,was für eine schöne Beschreibung!Vielen herzlichen Dank und auch für die tollen Fotos.
liebe Grüsse
Ursula
Elisabeth Heimlicher says:
ich schliesse mich an!