Endlich auf dem Piz Surlej

Zwischen den Oberengadiner Seen und dem Roseggtal findet sich nicht nur der Piz Corvatsch mit dem gleichnamigen, arg industrialisierten Ski-Eldorado, sondern auch der stolze Piz Surlej, der dem Dorf im Talboden seinen Namen gibt. Wir besteigen ihn über den Westgrat und verlassen ihn über den Südgrat. Viel Schutt und Blöcke – aber oben werden wir mit einem der schönsten Aussichtspunkte des Oberengadins beschenkt. Ein Ort mit Sehnsuchtspotenzial zum Wiederkommen…

Miro hatte mich schon vor langer Zeit gefragt: Er will auf den Piz Surlej. Seit einigen Jahren hat seine Familie eine Ferienwohnung in Surlej, und dieser Hausberg lässt ihn nicht in Ruhe. «Edwin – bring mich dorthin!» So stand diese Tour schon lange auf der Todo-Liste. Endlich passen Agenden und Wetter.

Wir entschliessen uns, nicht vom Talboden, sondern von der Mittelstation der Corvatsch-Bahn aus zu starten. Das spart Kräfte, die wir bei einer allfälligen Gratüberschreitung zum Piz Rosatsch oder im Abstieg bei der Umrundung des Munt Arlas über die endlosen Blockfelder brauchen können. Das Wetter ist herrlich, auch wenn der Morgen schon ganz schön kühl nach Herbst riecht, als wir in die erste Gondel steigen.

Erster Bodenfrost … aber der Tag könnte kein besseres Wanderwetter bieten

Die Mittelstation ist an Hässlichkeit kaum zu überbieten. Das Areal und das Gelände hat sich ganz dem Skitourismus beugen müssen. Hügel mit Schneereste vom letzten Winter liegen unter riesigen Planen und warten auf ihre Ausbreitung im November. Ein langer Graben, eine tiefe Narbe im Berg, soll bald wieder zur perfekten Halfpipe werden. Doch wir schauen darüber hinweg, denn unter uns breiten sich megaschön die Oberengadiner Seen aus, und vor uns liegt dieser gewaltige Brocken, den wir jetzt besteigen wollen.

Hinter den verpackten Schneehaufen wartet der elegante Piz Surlej (links der Mitte).

Zuerst müssen wir etwas absteigen – rund 200 Höhenmeter durch von Baggern zerwühltes Gelände – bevor wir auf den schönen Panoramaweg treffen, der von Murtèl zum Hahnensee führt. Etwas auf und ab, dann stehen wir unter einem Sessellift. Wir schauen hoch: Die Bergstation ist unser nächstes Ziel. Dort beginnt der Gratweg zum Gipfel. Nicht markiert, aber gemäss Beschreibungen auf hikr.org und im Gipfelbuch gut angelegt.

Zunächst steigen wir weglos über die Wiesen hoch zur Bergstation. Nach etwa zwei Dritteln der Strecke führt uns eine Graslücke wunderbar durch ein Felsband auf den Vorplatz des Lifts (siehe roten Strich auf Foto unten).

Rot die weglose Aufstiegsroute zur Bergstation der Sesselbahn auf dem Westgrat

Blick zurück zum Piz Corvatsch

Der Gratweg zum Gipfel

Jetzt heisst es, etwas Ausschau zu halten – aber wir sehen die Pfadspur schon bald, sie ist unverkennbar und überraschend gut. Nur bei einer ersten Felsstufe müssen wir etwas aufpassen, dass wir den richtigen Durchgang finden. Steinmännchen zeigen ihn aber gut an. Oben angekommen: Geröll ohne Ende. Doch der Pfad ist perfekt angelegt und führt uns rasch hoch zum zweiten, markanteren Felsband auf etwa 2900 Metern.

Hier sind kurz die Hände gefragt. Aber alles easy: Der Fels ist wie eine Treppe gestuft, mit wenig Mühe lässt sich der Durchgang finden. Bald stehen wir am Fuss des Gipfel-Geröllfelds. Dieses erweist sich als etwas zäh – wer nicht aufpasst, rutscht mit jedem Schritt einen halben hinunter. Schwierig ist es aber nicht. So stehen wir schon nach gut zwei Stunden Aufstieg auf diesem fantastischen Aussichtsberg.

Im Westgrat auf dem guten, aber nicht markierten Pfad

Stöcke weg – jetzt braucht es kurz die Hände

Gipfelglück und ein Blick in die Ferne

Miro freut sich – endlich auf dem Hausberg! Und ich staune über die einzigartige Pracht der geliebten Bernina-Gruppe, die sich vor uns ausbreitet. Der Biancograt, die gewaltigen Gletscher, die vom Piz Glüschaint und seinen Trabanten hinunterfliessen, und so weiter. Grossartig! Die 360-Grad-Rundsicht führt weit über den Ortler bis ins Silvretta-Gebiet, zur Ela-Gruppe, zum Piz Güglia und in der Ferne bis zu den Walliser Alpen (Monte Rosa … you name it). Auch die grossen Bergeller lassen grüssen. Stars sind auch diese Oberengadiner Seen: ein Prunkstück für sich!

Die Seen und der Blick über den Julierpass nach Westen

Die Berninagruppe

Den kalten Nordwind auf dem Gipfel ignorieren wir – die Softshelljacke hilft, und so picknicken wir gemütlich auf dieser Kanzel.

Nur muss ich Miro dann etwas enttäuschen: Der Blick nach Norden über die Blöcke zum Ostgipfel und weiter zum Piz Rosatsch hält mich von der Gratüberschreitung zum Piz Mezdi ab. Der Rosatschgrat dünkt mich zu ausgesetzt für die erste Alpintour mit meinem Freund. Diese Verantwortung will ich nicht übernehmen. Aber ich will diese Überschreitung dann schon noch einmal erkunden – von der anderen Seite, vom Piz Mezdì her. Das ist einfacher.

Die Überschreitung nach Norden, die wir für heute mal sein lassen

Rund um den Munt Arlas

So entschliessen wir uns für ein anderes kleines Abenteuer: den Abstieg zur Scharte im Süden und die östliche Umgehung des Munt Arlas. Das geht zunächst recht einfach, nur der unterste Teil verlangt dann etwas Vorsicht. Kurz vor der Scharte verengt sich der Grat zu einer ausgesetzten Felspartie, über die ziemlich vorsichtig abzusteigen ist.

Gut sichtbar der schmale Grat vor der Scharte und das etwas ausgesetzte Stück von der Scharte durch die Nordflanke des Munt Arlas

Die Schlüsselstelle in der Flanke

In der Scharte bietet sich der Geröllabstieg nach Westen an, aber wir folgen der Spur nach Osten. Dies ist zunächst etwas heikel: Kleine Tritte weisen den Weg, doch wir können uns gut am Fels zur Seite festhalten. Ausrutschen wäre ungesund. Keine 100 Meter später drehen wir wieder nach Süden und stehen vor einem gigantischen Blockfeld östlich des Munt Arlas, das nun überschritten werden will.

Der Einstieg ins Blockfeld….

Es folgt fast ein Kilometer leicht absteigendes Blockhüpfen über instabiles Gelände – das will gelernt sein und braucht Geduld. Miro macht es Spass, also bin ich auch zufrieden. Trotzdem tut es gut, als wir den Punkt Mandra da la Bes-cha (2847 m) erreichen und wieder auf einer Pfadspur zur Fuorcla Surlej absteigen können. Ein älteres Paar staunt, dass wir über diese Blockwüste gekommen sind. Nun ja, ganz ohne war das tatsächlich nicht.

…. und der Blick zurück. Rot zeigt etwa die Route an.

Bier, Hirschwurst und ein zufriedener Blick zurück

Bald ist das vergessen, denn der kleine Passsee bei der Berghütte erlaubt so schöne Bergbilder, dass wir uns gegenseitig nur bestätigen können: Hier ist es einfach traumhaft.

Idylle auf der Fuorcla Surlej

Dann kommt das verdiente Bier und eine feine Hirschwurst dazu. Wir snd zufrieden uns lassen es uns gutgehen! Der Spaziergang zurück zur Bergstation auf dem Fahrsträsschen dient nur noch zur Entspannung der Muskulatur. Wir schauen gerne zurück zum frisch bezwungenen Piz Surlej, der sich von an für Miro ganz anders „anfühlen“ wird als zuvor.

Eines ist klar: Wir kommen zurück, um die ganze Gratüberschreitung zu machen. Aber alles zu seiner richtigen Zeit.

Tourdatum: 12. September 2026

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

Kartenausschnitt Piz Surlej (pdf)

Die Gipfel-Selfie muss sein…

 

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    Über diese Seite

    Alpinwandern – Bergtouren – Hochtouren

    Erwandert und beschrieben von Edwin.
    Web von Raskin.

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