Eine traumhaft schöne Wanderung im Aletschgebiet – von der Riederalp zum Märjelensee und auf das Eggishorn – wo ich erstaunlicherweise seit meiner Kindheit nicht mehr war. Ein wahres Glück, das sich wieder einmal intensiv erleben lässt. Und weil oben eine Gondel wartet, reklamieren auch die Knie am Abend nicht.
Nach einer Nacht im schmucken Hotel Landhaus in Münster kurve ich durch das Obergoms hinunter nach Mörel, wo mich eine deutlich weniger schmucke Talstation der Gondel zur Riederalp erwartet. Zusammen mit einigen Bauarbeitern und Angestellten steige ich in die frühe Bahn mit dem 70er Jahre Charme – ein bunt gemischtes Grüppchen, das den Tag auf ganz unterschiedliche Weise beginnt.

Riederalp – in der Ferne das Weisshorn, Mischabelgruppe etc.
Die Riederalp liegt noch in Morgenruhe, als ich aussteige. Sonnenterrasse pur, ringsum der Walliser Alpenkranz, und die Temperatur ist zu dieser frühen Stunde noch angenehm zurückhaltend. Der Aufstieg führt durchs Dorf, dann der MTB-Strecke entlang zum Blausee. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, doch bald zweigt ein kleiner Nebenpfad ab. Begegnungen von Downhilller und Slow-motion Wanderer – das macht nicht immner Freude. Auch die zahlreichen Hangeingriffe für die Skipisten sind nicht gerade zum Verlieben. Da blickt man lieber in die Ferne. Beim Blausee angekommen fehlt, offen gestanden, ein Stück Romantik – die Sesselbahnstation gleich daneben lässt kein rechtes Bergsee-Feeling aufkommen. Doch jetzt fertig mit Lästern: Ab jetzt ist Natur pur angesagt! Jetzt sind es nur noch Minuten über den Bergrücken in die alpine Wildnis der Aletsch-Arena. Wunderbar!

Blausee mit Fernsicht (Lift wegdenken)

Beim Geisshorn lauert die alpine Wildnis …
Der Blick öffnet sich zum Geisshorn und den arg schmelzenden Resten des einst so mächtigen Driestgletschers. Und dann liegt da unter mir dieser gewaltige Eisriese! Was für ein Erlebnis! Für einen Moment holt mich das in meine frühe Jugend zurück, in die Ferienwochen in Ernen, als ich das «Tietsch» der Dorfkinder partout nicht verstand – zu meinem damaligen, ziemlich tiefen Frust, obwohl wir doch schon zwei Jahre in der Schweiz lebten. Mit solchen Gedanken im Gepäck wandere ich beflügelt weiter, hinaus über den Grat, der so schön mit Grün, Büschen und Blöcken übersät ist, bis zur Moosfluh.

Freude herrscht, sobald der Gletscher erscheint…

Chillen am Gletscher
Dort informieren einige Tafeln über die Entwicklung des Aletschgletschers. Noch ist er mächtig – und doch fehlen ihm heute mehrere Kilometer und vor allem viel Dicke: seit dem Höchststand von 1860 sind es rund 400 Meter an Höhe, die er verloren hat. Auch der Wanderer spürt diesen Schwund ganz konkret: Der alte, direkte Panoramaweg zum Märjelensee ist heute gesperrt, das Gelände offenbar zu steinschlaggefährdet geworden. Also steige ich stattdessen zur Hohbalm auf, gut 200 Höhenmeter weiter dem Grat entlang.

Der Gratweg von der Moosfluh zur Hohbalm (rechts hinten das Bietschhorn)
Danach folgt der Wiederabstieg ins Gletschertal hinunter zum alten Pfad, und bald ein Stück Weg ganz ohne Anstieg und Stolpersteine. Eine Promenade! Das erlaubt mir, den Fokus ganz auf diesen herrlichen, imposanten Gletscher zu richten. Was für ein spektakuläres Monster! Ein wogendes Meer aus Eis.
Meine Trinkpause wird zur willkommenen Foto-Session. Doch dann folgt wieder ein kräfteraubender Anstieg, um einen weiteren Bergsturzkegel zu übersteigen, der den alten Weg unpassierbar gemacht hat – diesmal schlägt das mit gut 100 Höhenmetern zu Buche. Dann darf ich auf der Höhenkurve 2350 «auslaufen» zum Märjelensee. Der Blick auf den Mönch und den Konkordiaplatz wird von Meter zu Meter schöner. Noch mehr Fotos, versteht sich.


Ist das kein schöner Weg?
Bei den Märjelenseen drehe ich ins Seitental vom Gletscher weg. Es ist plötzlich mehr Volk unterwegs – kein Wunder, denn hier führt der kürzeste Wanderweg von der Fiescheralp zum Gletscher vorbei. Viel Wollgras säumt die Seelein und Tümpel, ein schöner Anblick. Bald erreiche ich die Gletscherstube am Stausee und gönne mir einen Teller Gulaschsuppe. Ich brauche frische Energiezufuhr für den Aufstieg aufs Eggishorn (2900m).

Märjelensee

Wollgras im Sumpf der Tümpel

Die Gletscherstube am Stausee
Dieser will sich wohl bald in die Wolken des schwülheissen Tag hüllen – hoffentlich schaffe ich es vorher hinauf! Also etwas Gas geben! Es ist steil, und die Beine spüren die Anstrengung des bisherigen Auf- und Abs immer stärker. Bis oben hin werden es an die 1500 Höhenmeter sein. Aber die stille Freude über den nun offenen Blick auf den Fieschergletscher sorgt wieder für Euphorie und Steiglust.

Der Fieschergletscher und seine Trabanten
Kurz vor dem Gipfel unerwartet viel Betrieb: Ein Vertical-Trail-Running führt von Fiesch auf dem Direktweg zur Bergstation. Mit einem Schmunzeln lasse ich mich beim Zielbogen gleich mitfotografieren und whatsapple das Bild spontan an Yael: «Siehst Du, das kann ich auch», zwinkere ich der Ultra-Triathletin zu.

„Was Du kannst, kann Papi auch :-)“
Doch noch bin ich nicht ganz am Ziel: Der Restweg zum Eggishorn verlangt nochmals etwas Kraft und Geschick, um die Blöcke hinaufzugehen. Aber das geht wie Fliegen, denn das Geschenk, das mich oben erwartet, ist kaum zu toppen. Grossartig die Rundsicht auf die Bergriesen und auf «den» Gletscher! Ich kann kaum glauben, dass es mich seit meiner Jugend nie wieder auf diesen Gipfel gezogen hat.


Ich unterhalte mich angeregt mit den jungen Sportlern, die sich ebenfalls von ihrer Anstrengung erholen und mit sichtlichem Respekt und Bewunderung die Szenerie geniessen.
Dann geht es mit der Bahn schnurstracks hinunter zur Fiescheralp, wo ich mir die deftige Rösti mit Speck und Ei redlich verdient habe.
Tourdatum: 7. August 2026
Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben
Elisabeth Heimlicher says:
sehr schön! streng! aber zum glück am schluss das bähnchen….
Andrea Niedermann says:
Danke! Ein Genuss, dieser Bericht! Sowohl Text als auch die Fotos. Hab mir grade eine – allerdings kürzere – Variante dieser Strecke abgespeichert.