Die Überschreitung des Hausstocks 3158m ü. M.

Endlich. Im dritten Anlauf klappt der ersehnte Besuch des Hausstocks. Nachdem ich zweimal auf der einfacheren Route wetterbedingt nicht weiter als bis zum Ruchi gekommen bin, gelingt diesmal die anspruchsvolle Überschreitung des Hausstocks von Osten nach Westen. Ein grossartiges Erlebnis, das konditionell und alpinistisch einiges fordert, aber reichlich Glückshormone produziert.  

Der Bus hält vor der Garage Steiger in Elm, wo uns der freundliche Garagist in Empfang nimmt. Er fährt uns zur Wichlenalp hoch, wo der Wanderweg zum Panixerpass beginnt. Es ist knapp nach Sieben, und das enge Tal mit seinen hohen Wänden liegt noch im Schatten. Es steigt sich leicht, der Weg ist nur mässig steil. Bald erreichen wir die Ober-Stafel, wo die Kühe friedlich unter dem Talriegel des Jetzbachfalls grasen. Weiter oben wird es karger, wohl nicht umsonst heisst die engere Passage des Tals „Gurglen“. Wir bestaunen die Bäche, die den Wänden des Vorabs entspringen, und erinnern uns dabei vage an den Geologieunterrricht, in dem uns die spezielle Tektonik dieses Gebiets erklärt wurde. Beim Häxenseeli begrüsst uns die Sonne, und gute zwei Stunden nach Abmarsch erreichen wir den Panixerpass.

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Ober Stafel
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Vor lauter Spiegelung sieht man das Häxenseeli nicht mehr

Auf dem Pass ändert sich die Szenerie total. Plötzlich die Weite, die Sicht über die Surselva. Im Westen begrüsst uns der Hausstock, der mit seinen scharfen Kanten und dem verschneiten Gletscher ziemlich imposant wirkt. Wir verlassen den Wanderpfad und suchen uns einen Weg durch die „Mer Sura“, eine langgezogene, kupierte Hochebene. Wir folgen den Bachläufen, um unnötige Höhenmeter zu vermeiden. Die Blumenwiesen werden zunehmend steiniger und karger, das Gelände immer grauer. Am Fuss des Gletschers wandern wir durch eine Mondlandschaft, schliesslich trägt uns ein Schneefeld zur Scharte des hier noch breiten Ostgrats (Pt. 2645).

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Der Hausstock vom Panixerpass aus gesehen, rechts sein Ostgrat

Wir machen Pause und tanken die notwendige Energie für die Bewältigung des 500Hm Grats. Dabei begutachten wir die Panzerpisten der Wichlenalp weit unter uns und fachsimpeln über die Besteigungsvarianten des Kärpf auf der gegenüberliegenden Talseite. Es ist ziemlich warm geworden, als wir uns wieder in Bewegung setzen. Vorfreude macht sich breit, die Gratbesteigung ist der anspruchsvollste und unterhaltsamste Teil der Tour. Zunächst kommt zwar noch endloser Schutt. Ich wundere mich, wie dieser Hausstock überhaupt noch zusammenhält.

Bis zum Gipfel müssen insgesamt vier Felsbarrieren überwunden werden. Die erste wird mit 2-3 Handgriffen erledigt, die zweite erfordert ein kurzes Ausweichen in die Südflanke, eine Schlinge in einem Einschnitt weist den Weg zurück auf den Grat (wenige Meter, Kletterstelle max. II). Dann kommt der dritte Riegel, und der hat es in sich. Wir begutachten die riesigen Blöcke (geschätzte 30 Hm, II) und entdecken weit oben ein Schlinge, die uns den Weg weist. Kurz vor dem Ende dieser Felsstufe kommt die Schlüsselstelle. Es scheint nicht mehr weiter zu gehen. Die Lösung liegt rechter Hand, wo wir über eine Platte mit winzigen Tritten hochsteigen. Hoch geht’s gut, aber ungesichert ginge ich da nicht gerne hinunter. Dafür sind allerdings auf dem ganzen Grat Abseilstangen montiert (die man von unten allerdings oft nicht sieht). Das letzte Hindernis, auch rund 30 Hm, lässt sich durch ein schuttiges Couloir in wiederum einfacher Kraxelei überwinden. Jetzt fehlen nur noch wenige Meter Schutthalde, ein paar Platten und Traversen. Zum Glück, denn die Kräfte lassen nach. Das flache Gipfelplateau bietet dann viel Platz für Entspannung und die verdiente, ausgedehnte Mittagpause.

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Wer sieht die weisse Schlinge in der Bildmitte (rechts der braunen Flecken)? Da geht’s durch
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Der Ostgrat im Rückblick
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Der letzte Felsturm wird links durch das Couloir bestiegen

Wir nehmen uns viel Zeit für den Genuss des Panoramas. Der Hausstock ist praktisch freistehend, so reicht die Sicht von Säntis, Rätikon, Ortler, Bernina, Adula und Gotthard bis hin zu den Urner und Berner Alpen. Am eindrücklichsten präsentiert sich der Star der Region, der weisse Tödi, sekundiert von Bifertenstock und Clariden. Der Glärnisch liegt auf Augenhöhe, dahinter dampft das Mittelland unter der Sonne dieses heissen Tages.

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Blick nach unten: In der Mitte das „Mer Sura“ und der Panixerpass. Im fernen Hintergrund Ortler und Bernina Gruppe
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Die Abstiegsroute über den breiten Schuttrücken zum Chli Ruchi, dahinter Bifertenstock, Tödi und Clariden(firn)

Der Abstieg bietet keine nennenswerten Hindernisse, ist aber (auch) lang und weist drei kleinere Gegensteigungen auf. Zunächst schuttsurfen wir hinunter zum Chli Ruchi. Das angenehme Wandern über den breiten Rücken vermittelt das Gefühl des Schwebens und kontrastiert stark mit den schroffen, zerfurchten Flanken, die vor allem die Südseite prägen. Grossartig! Auf dem Chli Ruchi findet das Chillen ein jähes Ende. Die Schuttfläche wird schmäler, spitzt sich zu und führt dann ins Nichts: Wir stehen vor dem Drahtseilfurggeli.

Links liegt eine Kette am Boden, die zum steilen Abstieg in die stark ausgesetzte Flanke einlädt. Das Gestein ist morsch, es braucht viel Vertrauen in die Kette. Die Traverse der sandigen Lücke selbst ist hingegen bei trockenem Boden harmlos, auch der Gegenanstieg ist dank der Kette wenig bedrohend, hier hält auch der Fels besser. Dann betreten wir wieder Schuttflächen, steigen zum Ruchi hoch und erreichen uns bekanntes Gebiet. Hier war bisher zweimal aus der Gegenrichtung kommend für uns „Endstation“.

Über die steilen Schutthänge gelangen wir an den Muttsee, dessen Staudammarbeiten inzwischen abgeschlossen sind. Ich freue mich über die Ruhe, die hier wieder eingekehrt ist. (N.B. Ich beschreibe den Abstieg vom Ruchi bewusst nur rudimentär, wer mehr darüber lesen will: http://www.edwinwandert.com/2014/09/der-ruchi-3107-muss-genugen/)

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Das Drahtseilfurggeli
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Der neue Pumpspeichersee

Dann erreichen wir den Mutthorn-Hüttenweg und wandern gemütlich zurück zur Kalktrittlibahn, die uns in wenigen Minuten zum Tierfed hinunterbringt. Dank eines freundlichen Bahnangestellten kommen wir zu einem Transport nach Linthal. Dort setzt uns der Chauffeur vor einer Beiz ab, wo sich eine nette junge Glarnerin umgehend um unsere durstigen Kehlen kümmert.

Tourdatum: 25. August 2016

Kartenausschnitt Hausstock (pdf)

Interaktiver Kartenausschnitt

7 Kommentare

  1. Wunderschöne Bilder und packende Sprache – besonders treffend: „dahinter dampft das Mittelland unter der Sonne“.
    Frage: Bewältigst Du diese anspruchsvollen Touren in Turnschuhen?

  2. Hoi Edwin
    Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch für Deine gelungene Webseite ! Es macht Spass, Deine Tourenberichte zu lesen !
    Zur Überschreitung des Hausstockes hätte ich folgende Frage:
    Hast Du Ausrüstung mitgenommen (Seil, Gstältli, Steigeisen, Helm, Pickel) ?
    Es würde mich freuen, wenn Du mir weiterhelfen könntest, denn ich würde diese Tour auch gerne machen !
    Danke & Gruss – Remo

    • Lieber Remo,
      Ich würde Steigeisen einpacken, falls es im Couloir des letzten Aufschwungs (Couloir) vor dem Gipfel Schnee hätte. An unserem Tourtag hatte es keinen Schnee mehr. Dann habe ich mich beim Abstieg ins Drahtseilfurgelli mit einer Schlinge und einen Karabiner an der Kette gesichert. Nur so um mich gut zu fühlen, ist nicht zwingend. Einen Helm brauchst du nicht. Falls Du aber vor dem Gipfel umkehrst, ist ein kurzes Seil empfehlenswert als Sicherung im Abstieg, vor allem beim zweitletzten Aufschwung.

      Du kannst mich auch jederzeit anrufen, wenn Du mehr wissen willst. Herzlichst, Edwin

      • Hoi Edwin
        Vielen Dank für Deine Infos ! Jetzt brauche ich nur noch einen schönen Tourentag :-). Ich würde Dich anrufen, falls ich noch Fragen hätte, danke. Beste Grüsse – Remo

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