Dents du Midi – Die Königin des Unterwallis

Nach drei Tagen „Anlauf nehmen“ vom Genfersee nach Barme bei Champéry folgt der Höhepunkt dieser Wanderwoche. Wir erklimmen die Haute Cime, den höchsten Gipfel der Dents du Midi und der einzige, der ohne alpine Hilfsmittel erklommen werden kann. Eine Wucht, die ganze Tour von A bis Z bzw. von Barme bis zum Lac du Salanfe.

Als wir um sieben Uhr los laufen ist das Gras noch feucht aber die Luft schon warm. Richtig abgekühlt hat die Nacht auf 1450m nicht. Zum Glück ist die Tour wasserreich, sodass wir nicht mehr als 1.5 Liter Wasser einpacken müssen. Wir steigen dem Pfad entlang des Fusses der Dents Blanches zum Col de Bonavau hoch, danach verliert man leider die ganzen Höhenmeter wieder bis zur gleichnamigen Cabane (Übernachtungsmöglichkeit).

Der Blick richtet sich nun auf die eindrücklichen Wände des „Pas d’Encel“. Wir fragen uns, wie und wo man hier wohl durch diese Schlucht kommt. Aber die rotweissen Markierungen lassen keine Zweifel aufkommen. Tatsächlich ist der Pfad kunstvoll angelegt, aber zunehmend ausgesetzt. Einige Passagen sind ziemlich vertikal, hilfreiche Stahlketten und die Hände verleihen die nötige Sicherheit. Man könnte hier weissblau markieren, aber das würde die „Tour de Dents du Midi“ wohl zu stark entvölkern. Cool ist es allemal!

Da geht es zwischendurch zum Pas d’Encel
Kettengesichert geht das gut
Etwas ausgesetzt…

Nach der Bachüberquerung bei einem kleinen Staudamm wird es wieder einfach. Wir werden von zahlreichen Schafen begrüsst, die hier oben weiden. Ihr Blöken echot durchs Tal, ich schüttle den Kopf: „Was für eine öde Sprache!“

Von Schafen begleitet in Richtung Mont Ruan
Sie backen gut!

Bei Punkt 1964 dreht der Pfad ins eigentliche Val de Susanfe ein, vor uns erhebt sich nun die eindrückliche Haute Cime. „Noch etwas viel Schnee“, zweifle ich kurz, aber das kann ja täuschen. Bei der SAC-Hütte legen wir eine Pause ein, denn der frisch aus dem Ofen genommene Apfelkuchen riecht betörend gut. Die beiden freundlichen Wirtinnen geben bezüglich des Gipfels Entwarnung, andere seien gestern schon ohne Steigeisen oben gewesen. Das beruhigt.

Haute Cime und Col de Susanfe

Nach der Hütte nimmt die Anzahl der Schneefelder rasch zu, aber der Wegverlauf zum Col de Susanfe ist eindeutig und das Firn trotz der grossen Wärme noch trittfest. So erreichen wir die Mondlandschaft auf der Wasserscheide – mit den ersten 1400Hm in den Beinen – und begutachten den steinig-staubigen Routenverlauf zum 750m höher gelegenen Haute Cime. Immerhin können wir am Fuss des Klotzes einen Grossteil des Rucksackinhalts deponieren, worüber ich später mehr als dankbar sein werde.

Da geht’s hoch, der Felsriegel wird rechts umgangen

Der Pfad zum Gipfel ist meist eindeutig, nur auf etwa 2700m verwirren zu viele Spuren. Rico verläuft sich prompt. Es lohnt sich hier zwischendurch auf das GPS zu schauen. Sobald eine einfach zu überwindende, schmale Felsstufe überwunden ist, ist alles wieder klar. Klar schon, aber jetzt wird es richtig, richtig steil. „Auf die Zähne beissen Junge, die Kraft hast du schon, wenn nur das Zehenspitzenlaufen nicht so in die Fersen ginge…“. Auf dem Vorgipfel ist das kurze Leiden sofort vergessen. Der Blick auf die Dents begeistert – und wie mächtig doch der Gipfelaufbau der Haute Cime aussieht!

Stilleben kurz vor dem Vorgipfel
Auf dem Vorgipfel mit Blick auf 5 der 7 Dents. Das Schneefeld unterhalb des Gipfels umgehen wir später links über die Felsen

Noch fehlen 200Hm zur Gipfelfreude, aber es kribbelt schon mächtig im Bauch. Das Schneefeld (siehe Foto oben), dass die Spur zudeckt, umgehen wir unschwierig links über die Felsen (max. I). Und dann ist es endlich soweit – ein langersehnter Wunsch geht in Erfüllung, und das Ziel nach vier Tagen wandern ist erreicht: Wir stehen auf dem höchsten Punkt der Dents du Midi!

Die letzten Höhenmeter brauchen etwas manuelle Unterstützung
Hammerblick zum Mont Blanc

Das Panorama ist trotz des heissen Tages prächtig. Mont Blanc und Trabanten, Walliser Viertausender, die Berner Grössen, der Genfersee – grosses Kino! Allerdings sagt mir der Blick nach Süden schon jetzt, dass die morgige Tour wohl verschoben werden muss. Zuviel Schnee deckt die beiden Pässe zum Lac d’Emossson noch zu. Aber daran will ich jetzt nicht denken und lasse vorerst genussvoll die Eindrücke des langen, spannenden Aufstiegs (ca. 2100Hm) setzen.

Blick zur Route von gestern: Die Grenzgipfelreihe von Portes Soleil.

Der Abstieg zum Col de Susanfe geht schnell, aber dann liegt doch noch ziemlich viel Schnee in den Flanken hinunter zum Lac de Salanfe. Wir haben die Wahl: Entweder der Winterabstieg über Schneefelder, die aber genau in der Fallinie einer 10 Meter hohen Wächte liegen, welche mir ziemlich Respekt einflösst. Oder der Wanderweg durch die steilen Felsbänder, die aber noch ziemlich schneebedeckt sind und wohl Steigeisen erfordert. Wir wollen uns Letzteres zuerst einmal anschauen, stellen dann aber erfreut fest, dass der Hüttenwart der Auberge de Salanfe ganz frisch einen Pfad durch das Weiss gehackt und geschaufelt hat. Diese Einladung nehmen wir gerne an!

Etwas Farbe auf 3200m
Danke Herr Hüttenwart!

Im Talboden angekommen durchschreiten wir eine reizvolle und blumenreiche Taigalandschaft bis wir den Stausee erreichen. Die letzten 15 Minuten Marsch über das Fahrsträsschen werden zum wohligen Auslaufen – und zur rasch steigenden Sehnsucht nach einem kühlen Bier in der Auberge. Wenig später lagern wir die Beine hoch und schauen tief befriedigt auf unser Tageswerk zurück.

Die Auberge de Salanfe, darüber die Haute Cime
Zur Erinnerung: Die Nordseite der Dents du Midi, die sie zur Königin des Unterwallis machen

Tourdatum: 27. Juni 2019

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

öV: Zug bis Champéry, Bus ab Van d’en Haut

1 Kommentar

  1. Die Besteigung der Haute Cima ist stets ein Erlebnis. Der flache Teil bei P. 3053m unterhalb des Gipfels hat einen einprägsamen Namen: Col des Paresseux. Frei in die deutsche Sprache übersetzt: Passen der Faulen/Faulenzer/Arbeitsscheuen.
    So lernt man die französische Sprache.
    Jedenfalls Edwin: Du hast einen sehr schönen Bericht geschrieben.
    Danke Hansjörg

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