Die Schlinge um die Dents de Morcles

Die erste Etappe meines neuen Projekts „West-Ost-Transversale“ startet oberhalb von St. Maurice auf dem westlichen Ausläufer der vorderen Alpenkette. Die nicht markierte Route auf die prägnanten Dents de Morcles über die „Grande Vire“ wurde vor langer Zeit für die Armee aus dem Berg geschlagen. Anschliessend folgt eine lange, aussichtsreiche Traverse zur Cabane Rambert am Fuss des Grand Muveran.

Am Bahnhof St. Maurice wartet ein Taxi auf mich. Es ist die einzige Möglichkeit um ohne Muskelkraft in das 750m höher gelegene Nest „Morcles“ zu gelangen, das hoch über der Rhone den Beginn der langen Alpenkette markiert, die erst bei Bad Ragaz wieder vom Rhein durchbrochen wird.

Bis Les Martineaux (1700m) können Autos hochfahren, aber dem Fahrer packt auf dem steilen, schmalen Kiesweg die Angst. Er lässt mich 400m unterhalb des Parkplatzes mit der Bitte um Verständnis aussteigen. Tant pis – alles gut, ich muss ja heute Abend nur die gute Stunde zur La Tourche-Hütte hochsteigen.

Die moderne SAC-Hütte klebt keck auf einem Gratrücken mit grandioser Sicht auf Chablais, Genfersee und Mont Blanc-Massiv. Neben mir sind nur acht weitere Gäste in der Hütte eingetroffen, sodass ich einen Viererschlag für mich alleine beziehen darf. Ein guter Start ins (ungeliebte) karge Hüttenleben.

Abendstimmung bei der La Tourche-Hütte
Chablais und Genfersee

Nach dem Nachtessen lese ich mich bei einem Glas Pinot Noir durch einen aufliegenden Bildband zur Geschichte von Morcles. Ein Schwerpunkt bildet das darunter und darüberliegende, grösste Festungswerk der Schweiz, das erst vor wenigen Jahren aufgegeben wurde. Ich schüttle meinen Kopf etwas ungläubig über die Fotos mit den Kanonen auf dem La Tourche-Grat, der sage und schreibe 1700m über dem Rhonetal liegt! Dennoch bin ich dankbar für diese alten Zeugen der Landesverteidigung, denn sie ermöglichen mir am nächsten Morgen eine traumhafte Tour.

Ich verlasse die Hütte gegen halb Acht und folge dem markierten Wanderweg zum Col des Martinets. Er führt über einen grob aus den Felsen gehauenen Pfad über die „Vire aux Boeufs“ zu den ersten, heute leeren Kavernen unterhalb der Pointe des Perris Blancs. Wenig später erreiche ich über die schuttige Ostflanke die Höhen der Pointe des Martinets. Vor mir taucht ein Rudel Gämse auf, das erfreulicherweise nicht gleich erschrickt. Ich knie nieder und rufe ihnen sanft ein paar nette Worte zu. So lassen sie es zu, sich fotogen mit dem Genfersee im Hintergrund zu verewigen.

In der Westflanke der Dents – wer sieht die La Tourche-Hütte auf dem Grasgrat?

Mein Weg führt über die nun stark ausgesetzte Westflanke weiter. Im Abstieg zum Col de Martinets stosse ich auf weitere grosse Kavernen. Ich spüre wahrlich den Krampf der Soldaten, die hier einst gewirkt haben. „Warum nur so weit oben?“, frage ich mich. Während der markierte Wanderweg vom Pass östlich ins Nant-Tal hinunterführt, biege ich nun auf die schwache Spur der Grande Vire ein, die westlich unter den senkrechten Felsen um die Dents de Morcles herumführt. Schwache blaue Striche und kleine Steinmännchen versprühen etwas Zuversicht, trotzdem begleitet mich eine leise Nervosität. Diese legt sich jedoch bald, denn bis auf wenige Abschnitte ist der Weg immer eindeutig und die Spuren gut. Aber für schwache Nerven ist das nicht.

Wer sieht den Weg?
Blick hinüber zu den Dents du Midi. Was passiert im Rhonetal, wenn diese Brocken einmal abbrechen?

Das ändert sich, als ich nach rund 20 Minuten auf die von unten kommende Vire stosse, die wesentlich besser ausgebaut ist. Bald passiere ich eine Kaverne mit einer noch gut erhaltenen Militärunterkunft, die inklusive altem Ofen als Schutzhütte dient. Ein guter Moment um etwas innezuhalten, damit ich diese steinigen Flanken und Abgründe ausgiebig studieren kann – und das Panorama mit Mont Blanc-Massiv und Dents du Midi, die von hier aus einfach zum Anbeissen aussehen.

A hut with a view…

Dann steigt der nun immer kunstvoller aus dem Berg gehauene Pfad steil an und führt durch mehrere Couloirs zur südwestlichen Gratkante des Grand Dent de Morcles, wo ich auf den blau-weiss markierten Gipfelpfad treffe. Kurz davor muss ich jedoch noch ein vereistes Schneefeld umgehen, dass wohl vor zwei Wochen ohne Eisschrauben oder zumindest Vollsteigeisen ein unüberwindbares Hindernis gewesen wäre. Meine Spikes hätten nicht genügt. Darum – bitte in der La Tourche-Hütte bezüglich Verhältnisse nachfragen, bevor ihr Euch auf dieses äusserst lohnende kleine Abenteuer einlässt!

Kunstvoll herausgeschlagen

Der Gipfelgrat begrüsst mich mit einem kompakten Felsriegel, der einfach überklettert (Schwierigkeitsgrad II) werden kann – gelbe Punkte zeigen den Weg. Es folgt noch etwas mehr Blockkraxeln und Schuttsteigen, und schon stehe ich auf diesem Zahn, der zuoberst viel Platz und Rundsicht bietet. Der erste Gipfel der West-Ost-Transversale ist geschafft.

Gipfelblick nach Osten – da geht’s lang bis nach Bad Ragaz 🙂 .. links der Mitte das Tagesziel, die Cabane Rambert vor dem Grand Muveran

Der Weg hinunter ist bis auf die erneute Kraxlerei nervenschonend. „Blau-weiss“ gilt wirklich nur für die kurze, intensive Felspassage. Vor dem Col de Fenestral erwartet mich ein Postkartensujet mit türkisblauem See und Mont Blanc, wobei nun auch der Grand Combin die Szenerie zu bestimmen beginnt. Mitreden beim Schaulaufen um das schönste Weiss wollen übrigens auch die Walliser Granden von Mischabel über Weisshorn und Dent Blanche, die in der Ferne auftauchen.

Mont Blanc und Konsorten – im Bild auch mein Sehnsuchtsort, der Point d’Orny
Kurz vor dem Col de Fenestral

Nach einem Teller Gemüsesuppe in der Fenestral-Hütte setze ich den Abstieg in Richtung Ovronnaz fort. Nun aber belebt durch viel Wandervolk mit unterschiedlichster Ausrüstung, denn meine Route folgt jetzt der viel begangenen Mehrtagestour rund um den Muveran. Und ja, die ist schön. Ich durchwandere zunächst das blumenreiche Euloi Hochtal mit seinen markanten Felstürmchen, später erreiche ich die Baumgrenze und schliesslich – idyllischerweise von Vikunjas begleitet – die Bergstation der Sesselbahn von Ovronnaz nach Jorasse.

Euloi
Ungewohnte Mitwanderer

Hier will ich eigentlich gerne Kaffee und Kuchen bestellen, aber das Einloggen in die angegebene Covid-App ist so kompliziert, dass ich entnervt aufgebe. Ich lege mich neben dem Restaurant ins Gras und verzehre einen meiner Riegel. Den braucht es jetzt auch, denn noch muss der Aufstieg zur Rambert-Hütte bewältigt werden.

Auf zum Grand Muveran!

Der Hüttenweg führt über drei Talstufen à je 200-250m Steigung an den Fuss des mächtigen Grand Muverans. Der 3000er dominiert das Talende schon von weitem. Der Nachmittag ist ziemlich warm geworden, der Schweisst tropft nur so von meiner Kappe runter. Es steigt sich zwar leicht, aber trotzdem sind meine Beine schwer, als ich die Hüttenterrasse erreiche.

Die Hütte liegt auf einem kleinen Plateau vor dem Felsriesen

Leider verunmöglicht ein beissender Wind ein geruhsames Ausklingen des Tages im Freien, und die Hütte ist auch knallvoll – eine Matrazze hinter dem Vorhang in der Dachschräge soll meine Bleibe für die Nacht werden… Ich bedaure kurz, nicht in Ovronnaz geblieben zu sein. Dann ergebe ich mich aber meinem „harten Schicksal“ und lache über mich selbst. Ich verkürze die Stunden bis zur Nachtruhe mit radebrechendem Französisch und ein paar Gläsern Rotwein. Das Hüttenteam ist nett und zuvorkommend, und die Aussicht und das abendliche Alpenglühen kompensieren Vieles. Nach einem vorsorglichen Studium der Varianten für die morgige Grand Muveran-Derborence-Tour schlafe ich müde und zufrieden ein.

Abendstimmung mit Mischabel, Weisshorn etc.
Majestätischer Grand Combin

Tourdatum: 8./9. August 2021

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

Hier geht es zur nächsten Etappe

5 Kommentare

    • Danke Simone – und jetzt müssen wir endlich unsere Seentour planen, bevor es schon wieder Winter wird…

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