Sehnsuchtsort Pointe d‘Orny

Heute gelingt die Königsetappe dieser Transversale-Woche, sie könnte perfekter nicht sein. Ich erlebe die Pointe d‘Orny – ein Logenplatz im Vorzimmer der Eismassen des Plateau du Trient. Es ist einer dieser Orte, wo meine Berg(sehn)sucht tiefe Befriedigung erlebt.

Kurz nach Acht schwinge ich mich auf die Sesselbahn, die von Champex nach La Breya führt. Ich spare damit die Kräfte für einen 700Hm-Aufstieg im Wald, die ich für diesen langen Wandertag besser einsetzen kann.

Ich bin in aufgeregter Vorfreude, ist doch das Wetter viel besser als erwartet. Der Grand Combin – mein erster Viertausender vor vielen Jahren – strahlt in seinem weissen Gletscherkleid vor blauem Himmel verschmitzt mit.

Grand Combin, der Dominator des Gebiets am Grossen Sankt Bernhard

Meine Route führt im leichten Auf und Ab, entlang der steilen Flanke knapp unterhalb des Grats, in die Combe d’Orny. Ein herrliches Einlaufen vor perfekter Kulisse. Nur den Boden darf man nie aus den Augen lassen, es ist stellenweise etwas ausgesetzt.

Das Tal wird schmäler, steiniger und steiler, bis ich auf der Moräne stehe, die schnurstracks zur Cabane d’Orny leitet. Bald stehe ich auf der Terrasse der Hütte und grüsse den fast echten Steinbock davor.

Flankensurfen…
Kiesbetthüpfen…
… und Moränensteigen zur Hütte (wer sieht sie?)
Das Maskottchen der Cabane d‘Orny

Ich trinke ein Rivella, schnüre die Schuhe etwas fester und klicke die Spikes an meinen Gürtel. Die Route entlang des Glacier d’Orny zur gut 300 Meter höher gelegenen Cabane du Trient sieht noch arg winterlich aus. „70-80% Schnee“, meint der etwas wortkarge Hüttenwart auf meine Nachfrage. Ich zögere kurz, ziehe dann aber entschlossen los: „So what – nasse Füsse trocknen wieder und du hast genug Saft in den Beinen“.

Das Firn ist weich genug um gut zu greifen, so bleiben die Eisen am Gurt. Die Route ist bestens markiert mit schwachen Spuren, auch wenn viele der weiss-blau-weissen Zeichen noch unter dem Schnee begraben liegen. Im steileren Teil des seilgesicherten Aufstiegs durch die Felsen zum Col d’Orny liegt zum Glück nur noch wenig Schnee, ich komme problemlos voran. Und dann – ja, dann sehe ich es: das riesige Plateau du Trient: Yes! Wow! Grossartig!!

Der Eis-See bei der Orny-Hütte – es ist noch winterlich
Weich genug um sicher traversieren zu können
Col d’Orny in Sicht
Die Cabane du Trient – einsam vor der Eismasse

Ich speede die letzten Meter zur Hütte hoch und mache Fotos, bevor ich überhaupt mal richtig Atem geholt habe. Als ob der Gletscher mir davon laufen könnte! Ich lache über mich selber.

Jetzt aber weiter – die Pointe d’Orny liegt etwa 100 Höhenmeter über der Hütte. Es gibt keinen Pfad, aber der Weg ist eindeutig – ich steige zum Grat hoch und folge kleinen Steinmännchen. Fast im Galopp hüpfe ich von Felsblock zu Felsblock. Ich kann es einfach nicht erwarten, die Loge vor dieser atemberaubenden Kulisse zu erreichen.

Steinmännchen und Wolkenspiele auf der Pointe d‘Orny
Pointe d‘Orny

Ein paar letzte Handgriffe am Fels entlang der Gipfelwächte – und schon stehe ich auf dem grosszügigen Gipfeldach. So schön! Ich habe nur Augen für das gigantische weisse Plateau, alle anderen umliegenden Bergschönheiten vom Unterwallis zum Berner Oberland bis zu den grossen Wallisern müssen zurückstehen. Ich setze mich hin, und bald kullern Freudentränen meinen Wangen hinunter. Ich bin zutiefst berührt.

Ohne Worte
Gibt es etwas Schöneres? Im Hintergrund die Aiguilles du Tour

Es muss anderen Berggängern ähnlich gegangen sein. Nur so kann ich mir erklären, dass der Gipfel wohl zehn grosse, sauber aufgeschichtete Steinmänner aufweist.

Ich wähle meinen Liebling aus (siehe oben) und huldige ihm einen speziellen Moment geteilter Sehnsucht. Dann lehne ich meinen Rücken an ihn an, schliesse die Augen und geniesse die Einsamkeit und die Stille. Sogar der Wind hat sich für einen Moment gelegt.

Es fällt mir schwer, diesen Sehnsuchtsort nach einer halben Stunde wieder zu verlassen. „Du kommst wieder“, verspreche ich mir. So mache ich mich immer noch leicht euphorisiert an den langen 2’000Hm Abstieg ins Val Ferret. Jetzt bilden sich rasch mehr Wolken. Aber eben erst jetzt. Der intensive Genussmoment war wirklich perfekt.

Zurück in der Orny-Hütte lasse ich mir eine deftige Rösti servieren, wenig später tauche ich in den „Schlund“ des Vallon d’Arpette de Saleinaz ab. Eine steile Flanke, erbarmlose 1400Hm hoch. Ein Kniebrecher par excellence. Mitten drin treffe ich Walter wieder, der mir nach seinem kurzen Zürich-Ausflug entgegen gestiegen ist. Gemeinsam staunen wir über die Clochers du Portalet, eindrückliche Felszähne, und den tosenden, prall gefüllten Gletschersturzbach. Auch der Blick ins benachbarte Tal des Glaciers de Saleinaz begeistert.

Die Clochers du Portalet
Das nächste Gletschertal (Glacier de Saleinaz)

Weiter unten tauchen wir in einen wohlig duftenden Wald ein, später waten wir durch Blumenmeere. Wie nah die verschiedenen Klimazonen doch zusammenliegen! Vom ewigen Eis zur quicklebendigen Biomasse in weniger als drei Stunden.

Im Talboden bei Praz de Fort angekommen schnaufen wir kurz durch, bevor wir die Steigmuskeln wieder aktivieren. Denn noch fehlen fast zwei Stunden bis La Fouly. Aber wir ziehen sie dem Busfahren vor.

Ein Blick zurück zur steilen Rampe und den eindrücklichen Felsnadeln

So wandern wir im „Gemütlich-Modus“ das friedsame und ursprüngliche Val Ferret hoch. Grosse gelbe Enziane säumen den Weg. Bald beginnt es zu regnen. Aber das spielt keine Rolle. „Die Königsetappe ist im Kasten“, schmunzle ich, als ich mir die Tropfen von der Brille wische.

Regentropfen im Val de Ferret

Im geselligen Hotel Edelweiss in La Fouly trocknen wir schnell, und bald stehen ein Bier und ein Plättli mit getrocknetem Rindsfleisch auf dem Tisch. Was für ein Tag!

Tourdatum: 2. Juli 2020

Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben

Die Route bis zur Cabane d’Orny ist eine T3, danach T4 aufgrund der Schneeverhältnisse.

ÖV: Bus bis Sessellift Champex und Bus im Val de Ferret

3 Kommentare

  1. Pingback: Edwin wandert
  2. So ein schöner Fotobericht! Herzlichen Dank. Die Pointe d’Orny steht nun auch auf meiner Wunschliste, allerdings mit Uebernachtungen in der Cabane de Trient und der Cabane de Saleinaz.
    Herzliche Grüsse, Jolanda

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