Das Sprungbrett ins Goms

Nach langer Zeit wieder für vier Tage auf der WO-Transversale! Die heutige, letzte Walliser Etappe führt mich von Oberwald über den Tällistock auf den Furkapass. Ein anstrengender Aufstieg, der mit viel Weitsicht und einem kurzen Abstieg belohnt wird. Die Faszination liegt heute in der Ferne – der Einblick in verschiedenste Geländekammern des Alpenkamms.

Nach einer halbstündigen Zugfahrt von meinem „Basislager“ in Andermatt stehe ich am Bahnhof Oberwald, wo im April 2021 die Ski-Etappe über die Berner Alpen endete. Ich denke gerne daran zurück und freue mich auf die Fortsetzung der Transversale. Ich schlendere durch das verschlafene Dorf und erblicke bald schon weit über mir ein Kreuz auf 2500m – mein erstes Zwischenziel.

Oberwald

Der Aufstieg dorthin führt zunächst durch lichten Lärchenwald zur Alp Hungerberg, von wo aus ein schöner Einblick in das wilde, fast unzugängliche Geretal gewährt wird. Hier entwässert sich der Piz Rotondo, Wanderwege gibt es nicht. Die Hänge sind so steil, dass sich selbst im Winter aufgrund von Lawinengefahr und -kegeln kaum Tourenfahrer hierher verirren, auch wenn der Zugang von oben leicht möglich wäre (von der Rotondohütte über den Witewasserepass).

Das wilde, kaum besuchte Geretal

Jetzt geht es richtig steil – und heftig schwitzend in der Augustsonne – den Grashang hoch. Ich suche den optimalen Rhythmus, um nicht ins Schnaufen zu kommen. Bei der Schutzhütte am Galestaffel muss ich trotzdem kurz kapitulieren und pausieren. Ich bin konditionell noch nicht da, wo ich eigentlich sein will… Das gibt aber die Gelegenheit, aufmerksam das Goms und die dahinterliegenden Berner und Walliser Riesen zu studieren. Auch der Nuss-Riegel und das Zitronenwasser tun gut.

Das Goms, zuvorderst Oberwald

Mit frischer Energie peile ich nun erneut das markante Kreuz an, wobei die vielen Schafspfade mich einige Male von der Ideallinie abkommen lassen. Wie gerne lässt man sich doch dazu verleiten, zu queren anstatt zu steigen! Doch bald ist das Kreuz erreicht und damit ein grossartiger Panoramaplatz, fürstlich ausgestattet mit einer soliden Picknick-Bank. Der Sicht-Fokus richtet sich nun auf das Rhonequellgebiet und den Grimsel. Ich denke sofort an Christian, wenn ich zu den Granitblöcken der Gerstenhörner hinüberblicke, wo wir letzten Oktober herumturnten.

Auf Augenhöhe mit Finsteraarhorn und Lauteraarhorn/Schreckhorn
Tälli“grat“ und Tällistock

Die restlichen 400m Steigung zum Tällistock sind nun wesentlich angenehmer zu laufen und viel weniger steil. Ein breiter Rücken – „Tälligrat“ ist eigentlich der falsche Name – führt zur Tällilücke, wo erstmals auch andere Berggänger zu sehen sind. Vom Furkapass ist es eben nicht weit dorthin… Der Pfad führt nun im Auf und Ab auf die andere Seite des Tällistocks, wo die Gratkante unmarkiert aber über einen gut sichtbar schmalen Pfad erreicht wird. Dort erinnern die Grundmauern einer Hütte an wehrhafte Tage, als Soldaten hier auf 2800m ausharren mussten…lieber sie als ich!

Ruine auf dem Grat. Im Hintergrund das Gross Muttenhorn

Das letzte Teilstück – und nur dies, wird nun zu einer T5 (bisher T3). Denn die Gratkante weist einige Felspartien auf, die überklettert werden wollen (max. I). Und auf der Nordseite ist die Fallhöhe doch ordentlich bedrohend. Bald stehe ich auf dem Gipfel. Herrlich! Ein gutes Gefühl – so schlecht ist diese Etappe nicht!

Für den Abstieg vom Gipfel wähle ich die gleiche Route. Die Überquerung des Tällistocks ist zwar möglich, aber mir aufgrund der gesichteten hikr-Berichte doch etwas zu heikel für den Alleingang. Die paar Höhenmeter zusätzlich für die Umrundung nehme ich gerne in Kauf, dafür weiss ich genau, was mich erwartet.

Etwas kraxeln muss sein …
Die Belohnung auf dem Gipfel
Gerstenhörner, Rhonegletscher und Galenstock (den sehe ich dann morgen besser!) im Nebel

Der Rest ist schnell erzählt. Von der Tällilücke dauert es keine Stunde mehr zum Furkapass. Eindrücklich ist der zur Mikrigkeit verkommene Muttgletscher, den ich wohl nie mehr sehen werde. Dafür ist der Blick auf das Passstrassengewirre zwischen Grimsel und Furka so genial, dass ich sicher fünf Mal meine, nun gerade das beste Foto gemacht zu haben.

Ciao Gletscher ….
Postkarten Foto „Schweizer Alpenpässe“

Kurz vor halb Zwei stehe ich auf dem Pass, keine 10 Minuten später kommt das Postauto, das mich in mein Basislager zurückbringt. Ich freue mich auf die Dusche!

Tourdatum: 22. August 2022

Interaktive Karte mit Höhenprofil und Zeitangaben

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