Eine anspruchsvolle Bergtour ins Herz des Alpsteins. Weitgehend über blaumarkierte Wege, die den Begriff „Wanderweg“ eigentlich nicht verdienen. Ein Leckerbissen für erfahrene Berggänger, die gerne etwas „Kick mit Tiefblick“ und Kraxelpartien mögen.
Der Parkplatz «Pfannenstiel», direkt bei der Talstation der Alp-Sigel-Bahn, ist nicht gerade billig – aber praktisch. Wer mit dem ÖV unterwegs ist, startet die Tour in Brülisau und marschiert 15 Minuten auf dem Asphalt. Der betagte Appenzeller Maschinist begrüsst mich freundlich. Er schaut kurz raus, ob noch andere Fahrgäste im Anzug sind, hievt mich dann aber alleine die 600 Hm auf die Alp Sigel hoch. Am Wochenende ist das bestimmt nicht so! Wartezeit einplanen, es haben jeweils nur 4-6 Leute Platz im Gondeli!
Schon während der Fahrt eröffnet sich eine herrliche Sicht auf Brülisau, die sanften Appenzeller Hügelzüge und in der Ferne den Bodensee. Oben empfängt mich die steile Felswand, die den Hintergrund der Bergstation Alp Sigel eindrücklich einrahmt.
Friedvoll durch die Alpwelt zur Bogartenlücke
Der Einstieg in die Wanderung ist genial. Ein friedvolles, leicht sinkendes Einlaufen zum kleinen Hüttendorf, und schon liegt der gesamte Alpstein wie gemalt vor mir: Kreuzberge, Säntis, Altmann, Marwees – die ganze Pracht entlang der mittleren Achse des Gebirges. Es riecht abwechselnd nach Gras, Blumen und Kuhmist. Einen kläffenden Hund muss ich ignorieren, er macht ja nur seinen Job.

Alp Sigel mit Blick von Kreuzberge und Roslenfirst (links) zu Altmann und Marwees rechts
Es folgt ein Queren auf und ab zu einer breiten Lücke, von der aus ich hinunter nach Wasserauen und hinüber zu Ebenalp, Schäfler und Wildkirchli blicke. Unwillkürlich kommen mir Gedanken an die Influencer und die damit wohl zuweilen überforderten Wirte in dieser Gegend – doch hier ist es menschenleer und bald konzentriere ich mich auf den Aufstieg zur Bogartenlücke.

Aufstieg zur Bogartenlücke mit Blick zum Säntis
Der Puls steigt, aber im angenehmen Schatten lässt das gut bewältigen. Oben in der Lücke öffnet sich der Blick zu den wilden Zacken der Dreifaltigkeit und hinüber zur Stauberen. Hier zweigt der blauweisse Weg zur Marwees ab und gibt den Tarif durch. Schmal und sehr steil über die Grasflanke hoch – teilweise ziemlich ausgesetzt – bis endlich die Gratkante erreicht wird. Hier beginnt das nächste Highlight der Tour, das herrliche Surfen über den langen Marwees-Grat, im gemächlichen Auf und Ab zum Widderalpsattel. Links und rechts teils extremste Tiefblicke: hinunter zum Seealpsee, später zur Mäglisalp. Du musst schon schwindelfrei sein hier oben! Aber der Pfad ist gut – solange er trocken ist.

In der Bogartenlücke

Surfen über der Marwees

Tiefblick zum Seealpsee

Der Marweesgrat in aller Pracht
Der Kamin – spannender als gedacht, einfacher als befürchtet
Schon vor dem Widderalpsattel studiere ich die Wand des Hundsteins und versuche, die Route ausfindig zu machen. Der Kamin ist von hier aus gut zu sehen – und schon der Aufstieg dorthin wirkt spannend. Ich fotografiere ausgiebig, um die Route zu dokumentieren. Offensichtlich hat es keinen Schnee mehr drin. Ein Schluck Wasser, ein Riegel – dann geht es los.

„Ab durch die Mitte – und durch den Kamin zum Hundstein“
Am Fuss der Felsen beginnt das Kraxeln. Achtung: nach den ersten paar Handgriffen nach links abbiegen – ein verblasster blauweisser Pfeil weist den Weg durch eine Rinne. An deren Ende zweifle ich kurz: «Bin ich wirklich richtig?“ Ich sehe keine Markierungen mehr… also vorsichtig im ersten Grad hinausklettern, bis es wieder etwas abflacht. Und ja, ich sehe wieder Markierungen, dahinter bildet sich auch wieder ein Pfad. Das war die Schlüsselstelle.

Der untere Einstieg lädt zum Kraxeln ein
Dieser steigt im Zickzack nach oben und führt mich vor den Kamin. Erster Eindruck: Sehr steinig, aber gut begehbar. Zum Glück hat es keine anderen Leute drin – doch, einer kommt runter. Er wirkt etwas verunsichert. Der Abstieg ist sicher deutlich anspruchsvoller als der Aufstieg. Ich halte kurz inne für einen Schwatz mit ihm und um den Puls tief zu halten.

Der Kamin von unten…
Eine kurze Kette hilft über einen Klemmblock und eine längere Kette vereinfacht die kurze Kletterpartie gleich darüber. Und schon stehe ich auf einem Band, das seitlich aus dem Kamin hinausführt. Es ist breiter als gedacht. Das war wesentlich einfacher als befürchtet und hat grossen Spass gemacht! Heikel sind nur andere Tourengänger bzw. die Steine, die sie ins Rollen bringen können.

… und von oben herab, kurz vor dem Ausstieg…

Über das schmale Band links verlässt man den Kamin: in der Bildmitte entlang der Kette hoch zur Markierung, dort steigend queren (1. Grad)

Das Band wird rasch breiter
Jetzt wieder einfach, aber weiterhin steil hoch über die begraste Flanke. Kurz vor dem Gipfel überhole ich eine Bergsteigergruppe in voller Montur – Helm, Pickel, Seile, Klettergurte. Naja, leicht übertrieben, aber der Hundstein hat es schon in sich!
Gipfelfreuden auf dem Hundstein und ein anspruchsvoller Abstieg zur Bollenwees
Die exponierte Kanzel im Herzen des Alpsteins bietet alles, was mein Bergherz begehrt! Aussicht, Drama, Genuss. Vor mir thronen Altmann und Säntis mit ihrem Restschnee – zum Anbeissen schön! Rund herum die Zacken, Wände und geologischen Kuriositäten dieser einmaligen Gebirgsgruppe. Schnell ein Grussfoto an Bruder Walter, der letzte Woche schon auf dem Altmann war.

Gipfelfreude mit Altmann und Säntis
Der Abstieg nach Bollenwees über die Flanken des Fählensees ist steil und anspruchsvoll zu begehen. Nur teilweise ein wirklicher Pfad, viele ausgesetzte Stellen, die Hände kommen mehrfach zum Einsatz. Im steilsten Abschnitt bekomme ich prompt einen Krampf im linken Bein – dehnen in extremis, dann weiter. Aber mit dem tollen Blick auf den Fählensee lässt sich vieles ertragen.

So geht es runter zum Fählensee

Diese Stellen brauchen Hände und verlangen Trittsicherheit
Bei der Hundsteinhütte versperren Kühe den Weg. Sie haben überhaupt keine Lust, mir Platz zu machen. Ich muss oben durch. Wenig später sitze ich auf der bevölkerten Terrasse des Bollenwees, freue mich über die märchenhafte Sicht auf See und Berge und schaue dankbar nochmals zurück zum Gipfel des Hundsteins. Mit der Einsamkeit ist es hier vorbei, aber der feine Siedfleischsalat schmeckt doppelt so gut wie er aussieht.

Postkartenstimmung am Fählensee – rechts oben der Gipfel des Hundsteins
Rückmarsch nach Brülisau ruft nach Alternative
Der Rückmarsch nach Brülisau ist zwar landschaftlich reizvoll, aber das Gehen auf dem Fahrsträsschen ist ein Abtörner nach der Wildnis und Rauheit von Marwees und Hundstein. Autobahn eben. Richtig heiss geworden ist es auch. Der Sämtisersee ist schon fast ausgetrocknet – und das Mitte Juni! Schaut mal hier, wie üppig er im April aussieht.

Sämtisersee und hoher Kasten
Die Gegensteigung in der Hitze zum Plättliboden nervt. Richtig mühsam wird aber erst der Abstieg über das steile, Kiessträsschen durch das Brüeltobel zurück zur Bahnstation. Aber janu, der Kniebrecher gehört dazu. Ich würde beim nächsten Mal wieder zur Alp Sigel hochsteigen (300 Hm) und das coole Bähnli nochmals nehmen.
Ich steige ins glühendheisse Auto – und fahre los auf der Suche nach einem Brunnen. In Schwende werde ich fündig. Schuhe weg, rein ins kalte Wasser. Herrlich!
Tourdatum: 18. Juni 2026
Interaktiver Kartenausschnitt mit Höhenprofil und Zeitangaben
Hans-Peter says:
Wen ich deinen Bericht hier in meiner Wahlheimat in Merida auf der Halbinsel Yucatan lese bekomme ich sofort heimweh. Das war eine der letzten Wanderungen welche vor meiner Abreise nach Mexico gemacht habe…….und ich habe Sie genauso in Erinnerung wie Du sie beschreibst. Ich denke, wen ich im Herbst für ein paar Wochen in die Schweiz komme steht der Hundstei wieder auf der Agenda. Besten Dank für deine wie immer tollen Tourbeschreibungen welche ich hier regelmässig lese